Sensationelle Wiederentdeckung: Oper „Merope“ in Innsbruck

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 Barock pur: Die Wiederentdeckung der Oper „Merope“ bei den Innsbrucker Festwochen Alte Musik ist sensationell.
Barock pur: Die Wiederentdeckung der Oper „Merope“ bei den Innsbrucker Festwochen Alte Musik ist sensationell. (Foto: © Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl)
Werner Müller-Grimmel

Fünf Stunden dauert Riccardo Broschis barockes Musikdrama „Merope“ inklusive zwei Pausen zwischen drei Akten. Mit der ersten szenischen Wiederaufführung dieses unbekannten Stücks in moderner Zeit wurden nun die 43. Innsbrucker Festwochen Alter Musik eröffnet. Für die vom Intendanten Alessandro De Marchi dirigierte Produktion im Tiroler Landestheater gab es am Premierenabend immer wieder begeisterten Applaus. Er galt nicht nur dem phänomenalen Gesangsensemble, dem neu formierten Festwochenorchester und seinem souveränen Leiter De Marchi, sondern auch der brillanten Inszenierung der Choreografin Sigrid T’Hooft.

Riccardo Broschi (1698-1756) war der ältere Bruder des legendären Kastraten Carlo Broschi und stand als Komponist schon damals im Schatten des berühmten Sängers, der unter seinem Künstlernamen Farinelli in ganz Europa Erfolge feierte. Heute ist Riccardos Name selbst Liebhabern barocker Kunstmusik allenfalls in diesem Kontext bekannt. Insofern hat De Marchi viel gewagt, als er die komplette Oper „Merope“ für die Eröffnungsproduktion auswählte. Die Reaktionen des Publikums gaben ihm recht. Die aufwendige Ausgrabungsarbeit hat sich gelohnt. Zusammen mit Giovanni Barbati hat De Marchi eine Neuedition der Partitur erstellt.

In voller Länge dürfte Broschis Meisterwerk freilich selbst für größere Opernhäuser eine Herausforderung bleiben. Die Vokalpartien sind durchweg extrem anspruchsvoll und hochvirtuos. Auch instrumental kann die Musik ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn ein Ensemble mit historisch informierter Spielpraxis zur Verfügung steht. In Innsbruck sind beide Vorbedingungen ideal erfüllt. Die Mezzosopranistinnen Anna Bonitatibus und Vivica Genaux sowie Arianna Venditelli (Sopran) sind Stars ihrer Stimmfächer. Die drei exzellenten Countertenöre David Hansen, Filippo Mineccia und Hagen Matzeit übernehmen die seinerzeit so beliebten Kastratenpartien männlicher Protagonisten.

Broschis „Merope“ wurde 1732 in Turin aus der Taufe gehoben. Das Libretto von Apostolo Zeno entfaltet einen packenden, von Akt zu Akt furios zugespitzten Politkrimi im antiken griechischen Königreich Messenien. Der Usurpator Polifonte hat Königin Meropes Gatten und zwei ihrer Söhne ermorden lassen. Auch ihr dritter Sohn Epitide, der sich am Hof von Ätolien mit Prinzessin Argia verlobt hat, soll getötet werden. Polifonte schiebt Merope die Ermordung ihrer eigenen Familie in die Schuhe und will sie dafür hinrichten. Mit Argias Entführung möchte er zudem Epitides Auslieferung erzwingen. Der legitime Thronfolger kommt jedoch incognito selbst nach Messenien. Ein teuflisch ausgehecktes Spiel von Lügen und Intrigen beginnt.

Sigrid t’Hoofts Inszenierung entwickelt sich auf der Basis zeichenhafter barocker Gestensprache und Bühnenästhetik. Szenerie und Kostüme (Stephan Dietrich) knüpfen an historische Vorlagen an. Bemalte bewegliche Pappkulissen zeigen antike Säulen und Fassaden, Zypressen oder Felslandschaften. Uniformen und Federbuschhelme zitieren das Outfit, in dem Kastraten und Opernsängerinnen zu Broschis Zeit auftraten. Es braucht einige Zeit, bis ein heutiges Publikum hineinfindet in diese Art stilisierter Darstellung. Im Laufe des langen Abends werden aber behutsam auch Elemente späterer Moden und realistischer Aktionsweisen bedient.

Hinter derlei formelhafter Optik verlagert sich alle Dramatik in die Musik – ein Konzept, das nur funktioniert, wenn so fabelhaft gesungen und musiziert wird wie in Innsbruck. Statt des erkrankten Tenors Jeffrey Francis übernimmt dort kurzfristig Carlo Alemanno die horrend schwierige Partie des Schurken Polifonte und meistert sie bravourös aus dem Graben. Die restlichen Gesangssolisten überbieten sich gegenseitig mit einem Feuerwerk vokaler Hochseilakte.

De Marchi reklamiert Broschi nicht nur als eminenten Melodiker, sondern auch als originellen Meister mit überraschenden harmonischen Wendungen und reicher instrumentaler Palette. Die nicht erhaltenen Ballettmusiken werden durch Bearbeitungen von Jean-Marie Leclairs „Récréation de musique“ und reizvollen Tanzstücken von Carlo Alessio Rasetti ersetzt. Insgesamt erweist sich diese „Merope“ als sensationelle Wiederentdeckung.

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