Sensation: Gemeinschaftswerk von Mozart und Salieri in Prag entdeckt

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Schwäbische Zeitung
Werner M. Grimmel

Manchmal findet man beim Suchen nach einem Gegenstand einen ganz anderen, den man längst abgeschrieben hat. Just dies ist dem Musikwissenschaftler und Komponisten Timo Jouko Herrmann unlängst passiert: Er hat in Prag die Kantate entdeckt, die Mozart und Salieri wohl gemeinsam vertont haben. Dies ist eine kleine Sensation.

Timo Jouko Herrmann stöberte in der Musikbibliothek des Prager Nationalmuseumsonline für einen Klarinettisten des Leipziger Gewandhausorchesters nach Noten von Antonio Cartellieri, einem Wiener Zeitgenossen Beethovens. Da stieß er auf einen Eintrag im Katalog, der ihn schlagartig in helle Aufregung versetzte.

Herrmann hat viel zu Cartellieris Lehrer Antonio Salieri geforscht. Bei besagter Recherche war er nun auf die Idee gekommen, auch mal das Register der Libretto-Sammlung zu durchforsten. Vielleicht hatte sich ja dort etwas mit Salieri-Bezug erhalten. Plötzlich fiel ihm jener Titel ins Auge. Kaum konnte er glauben, dass er richtig gelesen hatte. Sollte hier wirklich Lorenzo da Pontes bisher unauffindbarer Kantatentext „Per la ricuperata salute di Ofelia“ die Zeiten überdauert haben? Das Öffnen der Datei brachte Gewissheit.

Mitten im vorweihnachtlichen Stress hatte Herrmann das Libretto einer seit je verschollenen, im Köchel-Verzeichnis der Mozart-Werke als KV 477a geführten Kantate entdeckt. Dass sie im Herbst 1785 gedruckt wurde, ist aus damaligen Wiener Zeitungsannoncen zu schließen. Ihnen zufolge handelte es sich um eine Gemeinschaftskomposition von Salieri, Mozart und einem Herrn Cornetti. Sie entstand für die von langem Stimmverlust genesene Sängerin Nancy Storace, die wenig später Mozarts erste Susanna bei der Premiere von „Le nozze di Figaro“ war.

Herrmann erbat beim Prager Nationalmuseum eine Digitalkopie und traute seinen Ohren nicht, als er gefragt wurde, ob er nur den Text oder auch die Noten wolle. Im Klartext hieß das nicht nur, dass unbekannte Musik von Mozart offenbar seit dessen Lebzeiten unbeachtet im Archiv geschlummert hatte. Hier war erstmals auch ein Beleg für diese bislang unbewiesene, mitunter sogar bezweifelte Zusammenarbeit von Salieri und Mozart aufgetaucht. Neben Da Pontes komplettem Text enthält der Druck als Anhang die Vertonungen beider Komponisten.

Möglicherweise hat der Wiener Hofbuchdrucker Joseph von Kurzböck den 30 Strophen von Da Pontes Gedicht nur einen Teil der Partitur als Notenbeilage für Gesang mit Basslinie beigefügt. Zwei ausklappbare Blätter enthalten Salieris Komposition der ersten zwei Strophen, Mozarts Fassung der beiden folgenden und die nochmalige, etwas laienhafte Vertonung des Anfangs durch „Cornetti“. Dessen Name ist in den erwähnten Anzeigen stets kursiv gesetzt. Vielleicht verbirgt sich hinter ihm ein dilettierender Mäzen der Sängerin.

Da Pontes Verse erzählen im Stil altitalienischer Schäferdichtung die Geschichte der viermonatigen Krankheit von Storace. Der Titel der Kantate verweist auf deren Rolle als erste Ofelia in Salieris Oper „La grotta di Trofonio“, die im Herbst 1785 ein halbes Jahr vor Mozarts „Figaro" im Wiener Burgtheater aus der Taufe gehoben wurde. Eine Voraufführung fand wohl schon im Mai am kaiserlichen Hoftheater in Laxenburg stattfand. Dort wurde ein Jahr später auch „Figaro“ nachgespielt. Die frisch sanierte historische Bühne soll 2016 mit derselben Oper wieder eröffnet werden.

Das „Wiener Blättchen“ meldete im September 1785, Abbate da Ponte habe über „die glückliche Genesung der beliebten Virtuosin Madame Storace“ ein „Freudenlied verfertiget“, das „von den berühmten drey Kapelmeistern Salieri, Mozart, und Cornetti in die Musik zu singen beym Clavier gesetzt worden“. Herrmanns Fund wirft die Frage auf, ob das Gelegenheitsstück auf die Regeneration „Ofelias“ nur für Singstimme und Generalbass geschrieben wurde. Vermutlich bietet der Kurzböck-Druck aber lediglich den Auszug eines größer besetzten Werks.

In der „Wiener Realzeitung“ wurde im Oktober 1785 ein Druck der Kantate beim Verleger Artaria beworben. Herrmann geht davon aus, dass es ihn mit vollständigen Noten zusätzlich gegeben hat. In der aufgefundenen Version weist Salieris Vertonung beim Vor- und Nachspiel reihenweise repetierte Achtel-Basstöne auf. Hier fehlt definitv zumindest eine instrumentale Oberstimme. Auch Mozarts Teil mutet im Kurzböck-Druck „löchrig“ an. Ständig wird der musikalische Fluss von halbtaktigen Pausen durchbrochen.

Eine „provisorische“ Aufführung des Stücks ist gleichwohl denkbar. Solange jene Artaria-Ausgabe nicht auftaucht, müssten die ausgesparten Stimmen eben aufgrund des vorhandenen Kontexts ergänzt werden. Herrmann hält das für möglich. Als Komponist und Dirigent könnte er da selbst tätig werden. Seine Doktorarbeit über Salieris deutschsprachige Werke für das Musiktheater ist übrigens kürzlich als Buch beim Verlag Friedrich Hofmeister erschienen. Für Hänssler Classics hat Herrmann einige Salieri-CDs wissenschaftlich betreut.

Infokasten:

Die in London geborene Sängerin Anna („Nancy“) Storace (1765-1817) verlor am 1. Juni 1785 mitten im 1. Akt einer Oper ihres Bruders Stephen Storace die Stimme. Ein Jahr zuvor hatte sie geheiratet, im Januar eine Tochter geboren. Ihre Ehe wurde kurz darauf geschieden, ihr gewalttätiger Gemahl von Kaiser Joseph II. des Landes verwiesen. Besagte Oper hieß übrigens „Das unglücklich verheiratete Paar“. Die Tochter starb im Juli. Gerüchten zufolge soll Mozart eine Affäre mit Storace gehabt haben. Zu ihrem Abschied von Wien schrieb er Ende 1786 für sie und sich selbst (Klavier) eine Arie.

Als Bild entweder

Nancy Storace (Porträt von Pietro Bettelini, ca. 1788)

oder

(Francesco Benucci und) Anna Storace (Silhouette v. Hieronymus Löschkohl, Wien ca. 1786)

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