Schwäbischer Klassikherbst mit Kit Armstrong und Minetti Quartett eröffnet

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Ein herausragender Künstler von großer Bescheidenheit: der Pianist Kit Armstrong in Laupheim.
Ein herausragender Künstler von großer Bescheidenheit: der Pianist Kit Armstrong in Laupheim. (Foto: Volker Strohmaier)
Katharina von Glasenapp

Ein bewegliches Orchester und ein junger brillanter Pianist, der auch ein romantisches Solokonzert als groß besetzte Kammermusik begreift, eröffneten den Schwäbischen Klassikherbst am Freitag im Kulturhaus Laupheim: Wieder hatte Dr. Mauermann das Münchener Kammerorchester (MKO) mit seiner höchst präsent agierenden Konzertmeisterin Yuki Kasai eingeladen, Solist in Robert Schumanns Klavierkonzert war der amerikanische Pianist Kit Armstrong. Tags darauf verbündeten sich das Mandelring Quartett und das Minetti Quartett zu einem inspirierten Oktett.

Das MKO ist es gewohnt, auch ohne Dirigenten zu musizieren. Lebendiges Zusammenspiel, viel Blickkontakt, stilistische Einigkeit zeichnen das Ensemble aus und ziehen das Publikum hinein – so auch im Kulturhaus Laupheim und einer charaktervollen Sinfonie von Boccherini. „La casa del diavolo“ – „Das Haus des Teufels“ heißt sie und bezieht sich auf Don Juan und seine Höllenfahrt. Das ist musikalischer Sturm und Drang im italienischen Gewand, mit plastisch artikulierten Figuren, starker Dynamik, einem sanften Mittelsatz und einer Verbeugung vor Christoph Willibald Gluck im Finale – ein starker Einstieg.

Kit Armstrong, der herausragende Musiker, Komponist und Naturwissenschaftler, wirkt immer bescheiden und musiziert mit facettenreichem Ausdruck. Robert Schumanns Klavierkonzert geht er forsch an und lässt doch viel Raum und Atem für die lyrischen Passagen. In feinem Zusammenspiel mit dem Orchester arbeitet er das Vorwärtsdrängende wie das Empfindsame der Partitur heraus. Die Solokadenz schwingt sich mit gemeißelten Klängen und ineinander verschlungenen Trillerketten empor. Der Mittelsatz lebt von zart getupften Figuren und elegischen Streicherklängen, im Finale schwingen Solist und Orchester im kraftvollen Rundtanz. Der hauseigene Bechsteinflügel ist zwar etwas hart im Klang, doch vermag Kit Armstrong höchst differenziert zu musizieren. Mit seiner Zugabe durchleuchtet er den Kosmos einer mehrstimmigen Fuge von Johann Sebastian Bach mit größter Leichtigkeit.

In Joseph Haydns sogenannter Abschieds-Sinfonie bewährt sich nochmals das wunderbare Miteinander des MKO. Auch wenn in dieser Sinfonie alle auf die Gestaltung des Schlusses warten, sind doch die vorhergehenden Sätze genauso intensiv. Dass die Musiker dann zur großen Belustigung des Publikums tatsächlich die Bühne verlassen und schließlich nur noch zwei einsame Geigen spielen, ist immer wieder charmant. Der Komponist hatte damit seinem Dienstherrn zu verstehen gegeben, dass die Musiker Urlaub brauchten.

Am Samstag wurde die „Kleine Bühne Schwendi“ zum Podium für eine spannende Streichquartettbegegnung: Die Rechnung lautete hier zunächst 2 x 4 = 6, denn das deutsche Mandelring Quartett und das jüngere österreichische Minetti Quartett begann mit zwei Sextetten von Richard Strauss und Johannes Brahms für je zwei Geigen, Bratschen und Celli. Das Sextett aus „Capriccio“ ist ein Zwischenspiel zu einer späten Oper von Strauss, in der ein Dichter und ein Komponist um eine Frau werben und zugleich über die Vorherrschaft von Wort oder Musik in einer Oper diskutieren. Es ist ein spätromantischer Einzelsatz mit fließenden Melodien und sprechenden Motiven, das Minetti Quartett und Bratsche und Cello aus dem Mandelring Quartett interpretierten es fein abgestimmt und ruhig. Klangsatt und jugendlich drängend ist dagegen das erste Sextett von Brahms, bei dem Sebastian Schmidt vom Mandelring Quartett die Führung übernahm: Im Zentrum stand der Variationensatz mit seinen rauschhaften Steigerungen und dem herzhaften Puls im Scherzo.

Wie viel Spaß solch eine Künstlerbegegnung macht und wie der Geniestreich des 17-jährigen Felix Mendelssohn die musikalische Kommunikation zwischen den Künstlern anregt, konnte man mit jedem Takt des berühmten Oktetts erleben. Das brauste wie ein ganzes Orchester, verband sich zu sanftem Schwingen in langsamen Satz, ließ die Elfen aus dem „Sommernachtstraum“ herumgeistern und offenbarte im Finale Mendelssohns Liebe zu den Meistern des Barock mit einer spritzigen Fuge. Begeisterung im Publikum, ein Dankeschön aus den Händen des Sponsors Siegfried Weishaupt.

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