Schlechthin nicht schlecht

Lesedauer: 4 Min
Schlechthin nicht schlecht
Schlechthin nicht schlecht (Foto: colourbox.de/hil)
Rolf Waldvogel

Als ihr Mann 1949 Bundespräsident wurde, gründete Elly Heuss-Knapp fast umgehend das Müttergenesungswerk – die Erfolgsstory schlechthin.“ Am Samstag stand dieser Satz in unserem Blatt. Ein völlig normaler Satz. Aber es gibt nichts, was unsere Leser nicht ins Grübeln brächte. Schon mehrfach wollte jemand wissen, was es mit diesem seltsamen Wort schlechthin auf sich habe. Da stecke doch schlecht drin, und trotzdem werde es oft gebraucht, um etwas positiv herauszustreichen. Siehe oben, wo die großartige Leistung der Bundespräsidentengattin ja besonders betont wird. Oder um ein anderes Beispiel zu nehmen: „Seit 65 Jahren sitzt Königin Elizabeth auf Englands Thron – die Pflichterfüllung schlechthin.“ Auch hier höchstes Lob.

Für die Erklärung dieses vertrackten Problems müssen wir etwas weiter ausholen, wobei wir schließlich bei den Kriechtieren landen. Aber der Reihe nach! Dieses schlechthin bedeutet im Kern nichts anderes als geradezu, durch und durch, ganz und gar, ganz einfach. Es kann also sowohl einen positiven als auch einen negativen Aspekt haben. Erstes Beispiel: „Die Queen ist ganz einfach ein Phänomen“ – im positiven Sinn. Zweites Beispiel: „Donald Trump ist ganz einfach ein Phänomen“ – im negativen Sinn. In beiden Fällen hätten wir folglich auch schlechthin sagen können, schlechterdings oder schlechtweg.

Im Althochdeutschen gab es ein Wort sleht, und das stand für eben, flach, glatt, geglättet, einfach. Aber um 1500 geriet dieses einfach – im Sinn von einschichtig, einfältig oder in heutigem Jargon einfach gestrickt – zunehmend in Gegensatz zu gut, hochwertig, wertvoll, ausgezeichnet etc., und irgendwann hatte schlecht nur noch die Bedeutung nicht gut, minderwertig. Adverbien wie schlechterdings, schlechtweg und schlechthin sind also altehrwürdige Relikte aus der Zeit zuvor. Das ursprüngliche schlecht aber lebte in der Nebenform schlicht weiter. Wenn wir heute schlicht und einfach sagen, so ist das somit doppelt gemoppelt. Auch im Verb schlichten klingt übrigens diese frühere Bedeutung an. Wer einen Streit schlichtet, glättet die Wogen.

Aber was hat das alles mit Kriechtieren zu tun? Dieses schlecht ist eng verwandt mit Schlick, Schleim, schleichen, und da tut sich ein weites Wortfeld auf, in dem es um geräuschloses Bewegen geht, um unbemerktes Annähern, um Hingleiten auf glattem, glitschigem Boden. So kam auch die Schleiche zu ihrem Namen. Apropos: „Die Schleiche singt ihr Nachtgebet, / die Waldgeiß staunend vor ihr steht. / Sie weiß nicht, was die Schleiche singt, / sie hört nur, dass es lieblich klingt.“ So hebt eines der absurd-abgründigen „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern an. Und es endet: „Die Schleiche fällt in Schlaf alsbald. / Die Geiß geht sinnend durch den Wald.“

Das ist Tiefsinn schlechthin.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen