Schauspiel Stuttgart: „Orestie“ nach Aischylos

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 Robert Icke holt in Stuttgart die antike Tragödie der „Orestie“ ins bürgerliche Esszimmer. Auf dem Bild sind zu sehen: Matthias
Robert Icke holt in Stuttgart die antike Tragödie der „Orestie“ ins bürgerliche Esszimmer. Auf dem Bild sind zu sehen: Matthias Leja (Agamemnon), Ruben Kirchhauser (Junger Orest), Sylvana Krappatsch (Klytaimnestra), Sophie Roller (Iphigenie). (Foto: Matthias Horn)

Burkhard Kosminski beginnt seine Intendanz in Stuttgart mit einer „Orestie“-Bearbeitung von Robert Icke. Der englische Regisseur holt die antike Tragödie ins bürgerliche Esszimmer und präsentiert die grausame Atridensage als Therapiesitzung des Orest.

Hätte Aischylos so gewiefte Erben wie Bert Brecht, müsste sich Robert Icke auf eine saftige Klage einstellen. Der englische Schriftsteller und Theatermacher nutzt den Titel „Orestie“. Aber Ickes „Orestie“ ist keine Inszenierung der Dramentrilogie, für die Aischylos 458 v. Chr. den Sieg bei den Dionysien in Athen errungen hatte. Icke hat für sein Stück „Orestie“, das 2015 im Almeida Theatre in London uraufgeführt wurde, den antiken Mythos und auch die dreiteilige Struktur der Tragödie übernommen: Der griechische Heerführer Agamemnon erkauft den Sieg gegen Troja, indem er den Göttern seine Tochter Iphigenie opfert. Mutter Klytaimnestra, zutiefst verletzt, ermordet mit ihrem Geliebten den Gatten und dessen Geliebte. Und wird dafür dann ihrerseits von ihrem eigenen Sohn, Orest, erschlagen. Den Automatismus der Blutrache beendet die Göttin Athene, indem sie ein Gericht einsetzt, das für Mordfälle zuständig ist.

Stück startet mit Vorgeschichte

Icke versetzt das Stück in den großbürgerlichen Alltag von heute. Wir sehen eine monumentale Backsteinvilla mit mächtigen Säulen und gläsernen Schiebetüren (Bühne und Kostüme: Hildegard Bechtler). Papa Agamemnon (Matthias Leja) kommt von der Arbeit. Er ist General, alles muss seine Ordnung haben. Deswegen stellt er auch zuerst mal die Schuhe am Eingang in Reih und Glied auf. „Wie war dein Tag?“, fragt Gattin Klytaimnestra (Sylvana Krappatsch) im schwarzen Hosenanzug und bittet zu Tisch, um den sich die Familie wie immer pünktlich zu versammeln hat. Die Kinder nerven, die kleine Iphigenie will – es gibt heute Hirsch – kein Fleisch, Orest zappelt, und Teenager Elektra schmollt, weil sie keinen Rotwein bekommt.

Während Aischylos’ Drama mit dem Sieg über Troja beginnt, startet Icke also mit der Vorgeschichte: Wie ein Vater dazu kommt, sein Kind für das Gemeinwohl zu opfern. In einer quälend langen Szene, (die den Türen schlagenden Abgang einer Zuschauerin hervorrief), wird gezeigt, wie Agamemnon seine Tochter mit einem Giftgemisch umbringt.

Diese ausführliche Schilderung des Kindsmordes ist für Ickes Konzeption wichtig. Denn im abschließenden dritten Teil, wenn es zum Prozess gegen Orest (Peer Oscar Musinowski) kommt, geht es auch um die „Wertigkeit“ der Morde. Die Lösung der Antike, Orest, den Mörder seiner Mutter, durch ein Gottesgericht freizusprechen, lässt Icke nicht durchgehen. „Ist das Leben einer Frau weniger wert?“, fragt die Anklägerin, die von der Darstellerin der Klytaimnestra gespielt wird. Doch die Frage der Geschlechtergerechtigkeit wird auch hier nicht gelöst. Orest kommt selbst in der modernen Version mit einem Freispruch davon. „Aber die Schuld, die Schuld, die bleibt“, sagt’s und schaut verzweifelt in die Runde.

Icke holt die Atriden ins bürgerliche Esszimmer und lässt sie im Designerbad erschlagen. Von der grausamen Familiengeschichte erfährt das Publikum durch die Therapiespräche des traumatisierten Orest mit seiner Psychoanalytikerin (Marietta Meguid): „Erinnern Sie sich! Erzählen Sie! Wie war das?“ Dann setzt die Spielhandlung ein. So entsteht das Stück als Familienaufstellung auf der Bühne, die gelegentlich zum Boulevardtheater wird.

Die Darstellerinnen und Darsteller sind allesamt überzeugend. Besonders erfreulich, dass Sylvana Krappatsch, lange Jahre eine feste Größe in den Ensembles von Dieter Dorn an den Kammerspielen und am Resi in München, nun in Stuttgart engagiert ist. Der Schrei ihrer verzweifelten Klytaimnestra – großartig.

Das Problem dieses Abends ist der letzte Akt, der sich zu einem zähen, langweiligen und auch kindisch wirkenden Gerichtssaaldrama auswächst. Hier greift Icke dann doch wieder auf Aischylos zurück und führt die Göttin Athene ein, die nun notorisch mit „Hochwürden“ angesprochen wird. Es ist der Gerichtsprozess gegen Orest, den Mörder an seiner Mutter und einzigen Überlebenden des Familiendramas. Er steht am Ende als geschundene Kreatur auf der Bühne. Er wird freigesprochen, aber nie wieder frei sein.

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