„Schauergeschichten“ von Péter Nádas

16.10.2022, Berlin: Péter Nádas, ungarischer Schriftsteller und Fotograf, steht in der Akademie der Künste. Nádas hat sein künst
16.10.2022, Berlin: Péter Nádas, ungarischer Schriftsteller und Fotograf, steht in der Akademie der Künste. Nádas hat sein künstlerisches Archiv der Akademie der Künste übergeben. (Foto: Carsten Koall)
Hans Dieter Fronz

In seinen Memoiren, dem fast 1300 Seiten starken Band „Aufleuchtende Details“ von 2017, erinnert Péter Nádas an ein entsetzliches Massaker der deutschen Truppen an der jüdischen Bevölkerung einer polnischen Stadt vor 80 Jahren, am 14. Oktober 1942. Es war der Tag seiner Geburt im jüdischen Krankenhaus in Budapest. Nádas schreibt: „Vergebens denke ich darüber nach, ich werde nie verstehen können, dass es gleichzeitig geschehen ist.“

Romane von Péter Nádas sind oft mehr als tausend Seiten dick

Zusammenhänge erkennen, Gleichzeitigkeiten zumindest wahrzunehmen, nicht ausblenden – es ist Teil seiner universalistischen Tendenz als Autor, die eigentümlich harmoniert mit einer häufig mikroskopisch nahen Betrachtung unscheinbarster Phänomene.

Wohl nicht zuletzt diese beiden Tendenzen erklären den Umfang mancher Publikationen von Nádas. Der Roman „Das Buch der Erinnerung“ von 1991, laut Joachim Sartorius die „Bilanz einer ganzen Epoche im Filter eines extremen Subjektivismus“, umfasst mehr als eintausend, die „Parallelgeschichten“, Nádas’ Opus magnum, in der deutschen Übersetzung sogar gut 1700 Seiten.

Neben dem schmalen Band „Schreiben als Beruf“ erschien zu Nádas’ 80. Geburtstag vor Kurzem sein neuer Roman „Schauergeschichten“ (Foto: Rowohlt): mit 576 Seiten für seine Verhältnisse geradezu ein Leichtgewicht. Umso schwerer wiegt der erzählerische Gehalt. Der Roman führt in den Kosmos einer dörflichen Welt, wie sie Nádas, der in Budapest und dem kleinen Dorf Gombosszeg im Westen Ungarns lebt, aus eigener Anschauung kennt.

Mancher Leser könnte Schwierigkeiten mit „Schauergeschichten“ haben

Nur sporadisch stellt uns das Buch diesen Kosmos in der dritten Person vor Augen. Die auktoriale Erzählweise wechselt beständig mit erlebter Rede. Und immer wieder lässt Nádas den Leser eintauchen in den Bewusstseinsstrom seiner Figuren, der das Buch als eine Art Sprechen nach innen dominiert.

Vielleicht hat mancher Leser, der Nádas der Subtilität und Kultiviertheit seiner Sprache wegen in die große ungarische Erzähltradition von Sándor Márai bis Imre Kertész stellt, im neuen Buch Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden zu der bäuerlich-ländlichen Welt des Buchs, dessen Handlung zeitlich nach dem Volksaufstand von 1956 anzusiedeln ist. Was diesen Zugang erschwert, ist weniger das Treibgut an derben Flüchen und Verwünschungen, das auf dem Rede- und Gedankenstrom der Figuren mitsegelt.

Vielmehr gewinnt der Leser schon früh den Eindruck, dass das Buch über weite Strecken so etwas wie die dumpfe Kollektivseele der Dörfler vergegenwärtigt – ohne trennscharfe Individualisierung der durch wechselseitige Verachtung, Missgunst, Neid und übler Nachrede miteinander verbundenen Figuren. Von der heiklen Gemeinschaft dieses informellen „Dorfkollektivums“ heben sich bloß der calvinistische Pfarrer, ein franziskanischer Pater und der Lehrer der Gemeinde ab – sowie einige Außenseiterfiguren.

Péter Nádas Roman „Schauergeschichten“ ist ein düsteres Buch

Wie Teres, die nach Jahren einer Stellung als Dienstmädchen mit ihrem Kind aus Budapest zurückgekommen, aber als gefallenes Mädchen verjagt worden war. Nach Jahrzehnten kehrte sie wieder zurück und baute sich eine kleine Existenz als Weinbäuerin auf. Als „Hexe“ und „Hure“ stigmatisiert, erlebt sie die respektvolle Behandlung durch die Rosi, ihre Tagelöhnerin, als wohltuend.

Rosi ihrerseits ist sozial stigmatisiert. Auf die als zurückgeblieben geltende Hilfsschülerin blicken die Dörfler herab; Spottgedichte kursieren über sie. Verdächtig macht sie schon ihre Fallsucht: Ist Rosi von Dämonen besessen? Gar des Teufels?

„Siehst du, so bescheißt uns das Leben“, sagt Teres einmal zu Rosi. Als Grundstimmung der Menschen ist dieser „Beschiss“ des Lebens in dem Buch allgegenwärtig. Gegen Schluss des eindringlichen Romans, der seinen drastischen Naturalismus mit glänzenden Passagen auktorialen Erzählens legiert, entlädt sich die innere Spannung dieser antagonistischen dörflichen Welt in einem irrwitzigen Karussell individueller Katastrophen.

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