Schöne, schwarze Schauergeschichte

Lesedauer: 6 Min

Er lässt die Puppen tanzen: der Spielleiter Maximilian Wigger-Sutter.
Er lässt die Puppen tanzen: der Spielleiter Maximilian Wigger-Sutter. (Foto: Ilja Mess)
Werner M. Grimmel

Wegen rechtlicher Probleme musste die Uraufführung eines geplanten Musicals über den Songwriter Johnny Cash am Theater Ulm abgesagt werden. Stattdessen wird dort nun im Großen Haus das bekannte Musical „The Black Rider“ von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs gespielt. Kultregisseur Wilson hat das von ihm initiierte Stück, das Elemente das „Freischütz“-Stoffs in ein surreales Junkie-Milieu überführt, 1990 im Hamburger Thalia-Theater aus der Taufe gehoben.

Für die Originalproduktion hatte Wilson nicht nur die Inszenierung und die Bühnenausstattung übernommen, sondern auch den betagten amerikanischen Dichter Burroughs und den Songwriter Tom Waits ins Boot geholt. Die Uraufführung verspottete der „Spiegel“ seinerzeit als „Cats-Version für Intellektuelle und Snobs“. Dennoch wurde die skurril-sarkastische „Freischütz“-Persiflage mit dem Untertitel „The Casting of the Magic Bullets“ bald auf zahlreichen Bühnen nachgespielt.

Wie ein Drogentrip

Am Theater Ulm sieht man in der Hamburger Fassung kein verbindliches Modell für weitere Aufführungen, sondern nur eine Lesart mit Freiraum für weitere Interpretationen. „The Black Rider“ ist eine schwarze Komödie mit wilder Musik, manchmal geradezu sinnfreien Dialogen, witzig-hintersinnigen Reimen und magisch berührenden Bildern. Sprechtheater, Songs, Rock, Jazz und experimentelle Sounds verbinden sich hier zu einer clownesken Collage, die keine fortlaufende Geschichte, sondern eher einen Drogentrip erzählt.

Nilufar K. Münzings Ulmer Inszenierung (Ausstattung: Britta Lammers) lässt bei manchen Bildern an George Dunnings Beatles-Film „Yellow Submarine“ und an Richard O’Briens „Rocky Horror Picture Show“ denken. Zum Prolog bringt ein langhaariger, gruftig geschminkter Spielleiter im braunen Frack (Maximilian Wigger-Suttner) eine Schachtel auf die Bühne. Nach und nach entsteigen ihr die restlichen Protagonisten. Im Orchestergraben spielen die vier Musiker der „Magic Bullet Band“. Ihre Uniformen erinnern an die „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, sind aber nicht bunt, sondern schwarz.

Die musikalische Leitung hat der renommierte Ulmer Jazzmusiker Joo Kraus (Trompete, Flügelhorn, Tenorposaune, Marimbaphon). Zusammen mit Jo Ambros (Gitarren) und seinen langjährigen Trio-Kollegen Torsten Krill (Schlagzeug) und Veit Hübner (Kontrabass) hat Kraus die Arrangements für diese Produktion auf der Basis der Originalpartitur von Greg Cohen erarbeitet. Tom Waits (Musik und Texte) hatte seine Songs im Vorfeld der Uraufführung von Cohen für 11 Instrumentalisten einrichten lassen.

Kraus, Ambros, Krill und Hübner fangen die Substanz dieser Originalpartitur brillant ein und steuern überall, wo nicht festgelegte Noten gespielt werden müssen, viel Eigenes bei. Dies gilt nicht nur für ihre Cover-Versionen der Songs, sondern auch für szenebegleitende Zwischenmusiken. Psychedelische Klänge, dissonante Tonfelder und Geräusche ergänzen sich hier zu einem atmosphärischen Soundtrack, der teils den Aufnahmen der Uraufführung abgelauscht ist, teils aber auch darüber hinausgeht.

Phänomenale Band

Stilsicher trifft die „Magic Bullet Band“ die Tonfälle verschiedener Genres, die hier stets ironisch gebrochen angestimmt werden. Moritatengestus, sentimentaler Jahrmarkts-Jazz, Zirkusmusik, Balladen-Pathos oder groovende Rock-Rhythmen gehen plötzlich bruchlos über in zarte Klänge mit gestrichenen Kontrabasstönen. Alles bleibt gleichwohl ganz dem Geist von Waits’ typisch „stolpernder“ Vortragsart verpflichtet. Die Schauspieler der Ulmer Produktion kommen ihr bewundernswert nah, ohne in falsches Imitieren zu verfallen.

Eine Wucht ist die stimmlich und szenisch phänomenal präsente Tini Prüfert als hinkender Teufel. Auch Gunther Nickles (Erbförster und weitere Rollen), Susanne Weckerle (Förstersfrau) und Jörg-Heinrich Benthien (Wilhelm) überzeugen auf ganzer Linie. Julia Baukus (Käthchen) spielt charmant, hat jedoch ab und zu Intonationsprobleme. Anfangs wirkt die die Aufführung etwas brav und retardiert, punktet aber mit schönen Farb- und Schattenspielen (Johannes Grebung: Licht). Nach der Pause nimmt sie Fahrt auf. Düster-beklemmende und monströse Bilder gewinnen die Oberhand. Am Ende verschwinden die Figuren wieder in der Schachtel des Spielleiters.

Weitere Vorstellungen: 22., 24. und 26. November, 4., 6., 9., 11., 16., 20. und 31. Dezember, 8., 16.und 30. Januar und 6. Februar. Kartentelefon (0731) 161-4444

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen