Salzburger Festspiele: „Penthesilea“

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Die rasend Liebenden Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer).
Die rasend Liebenden Penthesilea (Sandra Hüller) und Achill (Jens Harzer). (Foto: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus)

Ein großer Text als Kammerspiel: Johan Simons hat für die Salzburger Festspiele Heinrich von Kleists „Penthesilea“ als Zweipersonenstück auf die Bühne gebracht: Sandra Hüller und Jens Harzer gehören zu den Besten ihres Fachs. Beim Spielen gehen sie an die Grenzen. Nur so kann dieses Wagnis überhaupt funktionieren. Ohne Requisite, ungeschminkt und ungeschützt bohren sie sich in den Text. Kleist pur. Ein Hochfest der Sprechkunst.

Die Liebe ist ein Trauerspiel und die „Penthesilea“ ein ganz besonders schwieriges. So vieles lässt sich in das Stück hineininterpretieren oder herauslesen: Auflehnung gegen das Schicksal und gegen die Gesellschaft, Kritik am Humanitätsgedanken oder Krieg der Geschlechter. Unaufführbar galt und gilt dieser Text, den Kleist 1807 vollendet hat.

Regisseur Johan Simons und sein Dramaturg Vasco Boenisch haben sich auf ein Gender-Thema fokussiert. Sie interessiert der Kampf der Geschlechter um ihre Rolle in der Liebe. Und sie haben das Personal von neun auf zwei Figuren reduziert, auf Penthesilea und Achill. In diesem hochprozentigen Destillat werden Penthesilea auch die Aussagen, die andere über sie treffen, in den Mund gelegt. Und wenn Jens Harzer von dieser Donnerschlagsliebe zwischen der Amazonenkönigin und dem Helden Achill erzählt, spricht er die Worte des Odysseus.

Die Rollenbilder und die damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse sind unklar. Das will diese Inszenierung zeigen. Auch äußerlich. Nur ein Band um die Brust lässt die Amazone erkennen. Penthesilea ist die Königin eines Staates von Frauen, die nur den lieben dürfen, den sie unterworfen haben. Achill scheint mitzuspielen, gibt den Schwachen, weil ja auch er liebt. Doch fürchterlich klingt Sandra Hüllers Schrei, wenn die Königin gewahr wird, dass der Grieche sie bloß zu seiner (Haus-)Frau machen will. Es ist kein Blut zu sehen auf der Bühne, ob Penthesilea im Wahn ihren Hunden gleich über den toten Achill herfällt oder sich am Ende entleibt – alles findet in der Sprache und in unseren Köpfen statt. Das Ende ist bei dieser Inszenierung ein neuer Anfang. „Verzeihst Du mir?“, fragen sich die beiden – und das Spiel vom Begehren und Unterwerfen, vom Andersseinwollen und Nichtkönnen beginnt von vorn. „Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.“ – Jubelnder Applaus für diese schauspielerische Meisterleistung.

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