Salzburger Festspiele: „Jugend ohne Gott“ und „Sommergäste“

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 Jörg Hartmann, bekannt als Kommissar Faber aus dem Dortmunder „Tatort“, ist auf die Bühne zurückgekehrt. Bei den Salzburger Fes
Jörg Hartmann, bekannt als Kommissar Faber aus dem Dortmunder „Tatort“, ist auf die Bühne zurückgekehrt. Bei den Salzburger Festspielen spielt er den Lehrer in der Adaption von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“. (Foto: Barbara Gindl/dpa)
Jürgen Berger

Als Maxim Gorki im Jahr 1904 gelangweilte Großstädter auf einer ländlichen Datscha versammelte, standen Europa die großen Erschütterungen des Jahrhunderts noch bevor. 1938, als Ödön von Horváth wegen einer möglichen Verfilmung seines Romans „Jugend ohne Gott“ nach Paris reiste und dort von einem Ast erschlagen wurde, war ein Kunstmaler aus Braunau am Inn gerade dabei, Österreich ins nationalsozialistische deutsche Reich einzugliedern. Alles änderte sich, die Menschen wussten nicht mehr, wo rechts und links ist, und wählten vorsorglich braun. Die Salzburger Festspiele eröffnen ihr Schauspielprogramm mit einer Bühnenadaption von Horváths letztem Roman und einer Inszenierung von Gorkis „Sommergäste“. Damit ist klar: Uns Wohlstandseuropäern soll ein Spiegel vorgehalten werden. Im Theater können wir sehen, was uns neuerdings bevorstehen könnte.

Das Zaudern der Intellektuellen

Ödön von Horváth jedenfalls zeigt in „Jugend ohne Gott“, wie leicht es ist, Menschen politisch zu instrumentalisieren. Das ist so beeindruckend, dass der Kollege Hermann Hesse in einem Brief schrieb, er empfehle dringlich eine Lektüre der Erzählung. Sie schneide quer durch den moralischen Weltzustand von heute. Das sollte man auf jeden Fall unterstreichen, schließlich schrieb Horváth wie kein anderer gegen das schleichende Gift der rassistischen Nazi-Ideologie an und skizzierte im Roman die emotionale Berg- und Talfahrt eines Lehrers, der gegen die Indoktrination seiner Schüler vorgehen will, das aber nur halbherzig tut. Da steht ein intellektueller Liberaler und weiß nicht so recht: Soll ich nun gegen das Abgleiten der bürgerlichen Mitte in Richtung Rechtsradikalität kämpfen, oder sollte ich selbst aus der bürgerlichen Mitte weg in Richtung Führer rücken.

Horváth nimmt nicht nur die ins Visier, die sowieso in rassistischen Ressentiments schwelgen. Er stellt auch die liberale Mitte und damit sich selbst infrage. Nicht zuletzt diese ins Heute weisende Fragestellung dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, zusammen mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer eine Bühnenadaption des Romans erstellte und mit Jörg Hartmann einen Star im Zentrum platzierte.

Hartmann kennt man als Stasi-Fiesling aus der ARD-Serie „Weissensee“ und als schwermütig-schnöseligen „Tatort“-Kommissar. Genau diese Atmosphäre einer Kunstfigur mit diabolischen Zügen sollte auch bedient werden, als Hartmann zu Beginn alleine auf der Bühne des Salzburger Landestheaters stand und sich mit der Selbstverständlichkeit eines abgefeimten Verführers fragte, was er Adolf Hitler zu verdanken habe. Die Antwort lautete schlicht: „Alles“. Der Prolog zum Theaterabend stammt aus dem Buch „Geliebter Führer. Briefe der Deutschen an Adolf Hitler“ und ist ein Fremdtext, der Eingang in die Bühnenfassung von „Jugend ohne Gott“ gefunden hat.

Während Jörg Hartmann die Führer-Eloge spricht, stellt Thomas Ostermeier leider aber auch die entscheidende Weiche der Inszenierung. Hartmann wird umgekleidet und ist nicht mehr ein smarter Intellektueller, der auch auf einem linksliberal grundierten Podium sitzen könnte. Da steht plötzlich die naturalistische Kopie eines Lehrers, die genau so in einem deutsch-völkischen Klassenzimmer des Jahres 1937 hätte stehen können. Die Tendenz der Inszenierung in Richtung einer biedermeierlichen Historisierung setzt sich fort, wenn die restlichen fünf Schauspieler und zwei Schauspielerinnen Schulbänke hereintragen und ein Klassenzimmer andeuten (Bühne: Jan Pappelbaum). Thomas Ostermeier arbeitet, das hat man nach dem Prolog sehr schnell verstanden, auf keinen Fall an einem Theaterabend, der ausgehend von Horváth zum Beispiel die neofaschistische Legendenbildung in den Stammzellen der AfD thematisiert. Ostermeier inszeniert lediglich das Seelendrama eines schwankenden Lehrers und verwendet keine Energie darauf, das auf der Bühne zumindest so stark zu erzählen, wie der Roman geschrieben wurde.

Gespräche am Abgrund

„Das kann ich besser“, hätte Evgeny Titov sich sagen können, hätte er genügend Zeit für solche Gedanken gehabt. Der kasachische Regisseur übernahm den Regieauftrag für eine Eigenproduktion der Salzburger Festspiele, den die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik aus gesundheitlichen Gründen niederlegen musste. Und siehe da: Titov, der an der Theaterakademie von St. Petersburg Schauspiel und am Wiener Max Reinhardt Seminar Regie studierte, gelingt im Fall von Gorkis „Sommergäste“ zumindest eine in sich schlüssige Deutung der Endzeitdialoge, mit denen Gorki den hysterischen Todeskampf seines Personals instrumentiert. Der eigentliche Hingucker des Abends ist sicherlich Raimund Orfeo Voigts Cinemascope-Bühnenbild. In Hallein auf der Perner-Insel gleitet diese Kathedrale des Großbürgertums von rechts nach links und wieder zurück. Perspektiven und Räume weiten sich und schrumpfen wieder. Und es ist auch nicht zu übersehen, dass Evgeny Titov kaum Zeit für schauspielerische Feinarbeit hatte. Er spitzt szenisch zu und sorgt dafür, dass 15 Schauspielerinnen und Schauspieler sich mit aller Wucht den nervösen Verrenkungen einer Schickeria hingeben, die spürt: Unsere Zeit ist abgelaufen. Das ist schon was und sicherlich mehr als die müde Dehnübung, mit der Thomas Ostermeier einer gottlosen Jugend näher kommen will.

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