Rolf Hochhuth gestorben

Lesedauer: 7 Min
Rolf Hochhuth (1931 – 2020)
Rolf Hochhuth (1931 – 2020) (Foto: Hendrik Schmidt)

Ein Moralist ist tot. Der Dramatiker Rolf Hochhuth hat einst mit seinen provokanten Texten die bundesrepublikanische Polit- und Kulturszene aufgemischt. Mit dem Stück „Der Stellvertreter“ machte er sich 1963 die katholische Kirche zum Feind. Seine Novelle „Eine Liebe in Deutschland“ brachte 1978 den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger zu Fall. Ludwig Erhard nannte Hochhuth einen „Pinscher“, Franz Josef Strauß eine „Ratte“; und Norbert Blüm sah in ihm nach dessen Treuhand-Stück „Wessis in Weimar“ einen „Schmierensteher für Meuchelmörder“. Wie gestern bekannt wurde, ist Rolf Hochhuth am Mittwoch in Berlin gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.

Man muss sich das mal vorstellen: Ein Theaterstück führt die „Spiegel“-Bestsellerlisten an. Heute undenkbar. Doch 1963 gelang dies Rolf Hochhuth mit seinem „christlichen Trauerspiel“ über den zweifelnden SS-Mann Kurt Gerstein, den mutigen Pater Fontana und den „satanischen Feigling“ auf dem Papstthron. In „Der Stellvertreter“ übt der 1931 im hessischen Eschwege geborene Fabrikantensohn heftige Kritik an der Haltung der katholischen Kirche und ihres Oberhaupts Pius XII. gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus. Und diese Kritik hallt bis heute nach. Erst jüngst hat sich eine historische Kommission daran gemacht, das Pontifikat Pius XII. und die Politik des Vatikans in den Archiven zu untersuchen.

Damals 1963, als Erwin Piscator die Uraufführung am Theater am Kurfürstendamm in Berlin herausbrachte, war dies eine einzige Provokation für eine Gesellschaft, die sich gerade wieder zu berappeln (und zu verdrängen) versuchte. Rolf Hochhuth, der zu jener Zeit als Lektor bei Bertelsmann arbeitete, hatte den Ruf eines Skandalautors weg. Er verteidigte ihn sein Leben lang.

Sein größter „Coup“ nach der Kirchenkritik war die Affäre um Ministerpräsident Hans Filbinger. Wieder ging es um deutsche Geschichte, wieder um das Verhalten im Nationalsozialismus. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien am 17. Februar 1978 ein Kapitel aus Rolf Hochhuths Roman „Eine Liebe in Deutschland“. Thema ist die verbotene Beziehung zwischen einem Polen und einer Deutschen. Der Zwangsarbeiter wird hingerichtet, die Frau kommt ins KZ. In der Diskussion um dieses Buch und die NS-Richter bezeichnete Hochhuth den Ministerpräsidenten als „Hitlers Marinerichter“ und „furchtbaren Juristen“.

Filbinger verteidigte sich im „Spiegel“ mit dem inzwischen ebenso legendär gewordenen Satz: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Am Ende wurden vier von Hans Filbinger als Marinerichter verhängte Todesurteile bekannt. Am 7. August 1978 trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Hochhuth ist einer der wenigen Autoren, deren Texte tatsächlich unmittelbar politische Folgen hatten.

Mit „Juristen“ legte Rolf Hochhuth im Jahr danach ein weiteres Stück vor, das sich kritisch mit der Rolle der Justiz im NS-Staat auseinandersetzte.

Die 1960er- und 1970er-Jahre waren die Blütezeit des dokumentarischen Theaters. Thematisiert wurde die jüngste Vergangenheit. Peter Weiss verarbeitete den Auschwitz-Prozess, Heinar Kipphardt den Fall Eichmann. Doch anders als die teils formstrengen Dramen seiner Kollegen gleichen Hochhuths Texte oft riesigen Stoffsammlungen. Doch sie kamen zur richtigen Zeit, um politisch wirksam zu werden.

Klug oder opportunistisch war Rolf Hochhuth nie. Er war und blieb ein streitbarer Moralist. Ob er sich für ein Stück über Churchills Luftkrieg (1967) mit dem späteren Holocaust-Leugner David Irving einließ und dies auch später noch verteidigte. Ob er sich 1980 in „Ärztinnen“ mit der Pharmaindustrie anlegte oder 1993 die Wiedervereinigung als koloniale Übernahme der DDR durch die BRD beschrieb – Hochhuth scherte sich nicht um Political Correctness.

Er nahm sich das Recht, recht zu haben. Anstrengend war das oft. Und überraschend. Der Autor, der nach dem Skandal um den „Stellvertreter“ nach Basel gezogen war, eckte immer wieder an in Deutschland. Aber eben auf allen Seiten. Er hatte keine Scheu, der rechten „Jungen Freiheit“ Interviews zu geben. 2012 trat er aus der Berliner Akademie der Künste aus und protestierte damit gegen das Mitglied Günter Grass und dessen Gedicht „Was gesagt werden muss“. Hochhuth hielt es für antisemitisch.

Mit der Inszenierung seiner Stücke war Hochhuth selten zufrieden. Deswegen wollte er seine eigene Bühne. Er erwarb eine prominente Immobilie in Berlin: das Theater am Schiffbauerdamm. Doch bald gab es Ärger mit dem Pächter Claus Peymann. Der wollte kein Hochhuth-Stück auf seiner Bühne zulassen, wie es der Vertrag mit dem Land Berlin vorsah. „Sommer 14“ wurde dann in der Urania uraufgeführt. Doch Hochhuth – und auch das gehörte zu ihm – fühlte sich wieder mal falsch behandelt und wetterte gegen die „Kulturproleten im Senat“.

Aufregen konnte sich Rolf Hochhuth darüber, dass dem Widerstand eines Georg Elser nicht halb so viel Aufmerksamkeit zuteilwurde wie den Mitgliedern des 20. Juli. Seit den 1980er-Jahren setzte er sich dafür ein, den Einzelkämpfer von der Ostalb stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. 2011 schließlich konnte eine auf seine Initiative zurückgehende Skulptur von Ulrich Klages zur Erinnerung an Georg Elser in Berlin Mitte errichtet werden.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen