Rembrandt, Amsterdam und die Welt

Reinhold Mann

Das Städel überrascht im Herbst mit Rembrandt. Damit hinkt das Museum zwar den Ausstellungen von 2019 hinterher, die zum 350. Todesjahr Rembrandts gezeigt wurden. Aber es bietet eine einmalige Perspektive: eine Ausstellung, die souverän Kunstgeschichte und Sozialgeschichte zu verbinden versteht.

Das ist auch ein Verdienst der Kooperation mit der National Gallery of Canada, der ersten Station dieser Ausstellung, die in Ottawa zugleich die erste Rembrandt-Schau überhaupt war. Stephanie S. Dickey, die dort, zusammen mit Jochen Sander vom Städel, die Ausstellung kuratiert hat, entfaltet ihre reiche Forschung zur Rembrandt-Zeit, für die der Begriff von Amsterdams „Goldenem Zeitalter“ gebräuchlich war. Die Kunsthistorikerin nimmt, wie im ausgezeichneten Katalog nachzulesen ist, Rembrandts Karrierestart im damaligen Handelszentrum der Welt in den Blick und zeichnet das Netzwerk von Lehrern, Kollegen, Schülern und Auftraggebern nach, das ihn umgab.

Was die Forschung heute als Rembrandts Spezialitäten lobt, den psychologischen Blick, die genaue Wiedergabe von Gesicht und Stimmung, kam damals beim Adel in den Niederlanden nicht gut an. Dort wollte man nicht jedes Fältchen verewigt sehen. Erst mit den nahezu lebensgroßen Porträts der Amsterdamer Kaufmannselite macht Rembrandt Karriere. Seine Manier, in diese Gattung eine gewisse Lässigkeit einzubringen, illustriert das Städel in einer bewährten Gegenüberstellung: mit Nicholaes Eliasz Pickenoy, einem Kollegen aus der Malergilde. Aus seiner Hand ist ein repräsentativ-statisches Männerporträt zu sehen. Die Dekoration, die den Porträtierten standesgemäß umgibt, ist sorgfältig arrangiert: Vorhang, Teppich, Kleidung. Bei Rembrandt daneben wirkt das Arrangement vergleichsweise wie eine Fotografie, die in einem kurzen Moment des Innehaltens entstanden ist. Der rechte Handschuh liegt am Boden. Man erwartet, dass sich der Porträtierte im nächsten Moment bückt, um ihn aufzuheben.

Die beiden Bilder wie die gesamte Ausstellung sind mit Großzügigkeit inszeniert. Zugleich arbeitet das Städel ein komplexes Programm ab, um Rembrandts Vielfältigkeit in den Bildgattungen, seine Inszenierung biblischer oder antiker Motive, vorzuführen. Und die Grafische Sammlung steuert Prachtexemplare von Rembrandts Radierungen bei, um die Landschaften und die beliebten Genrebilder aus dem Alltagsleben abzudecken.

In diese Themenfelder sind die Lebensstationen des Künstlers integriert – die Anfänge in Leiden 1606 bis 1631, seine Erfolge in Amsterdam 1632 bis 1641, seine künstlerische Neuorientierung in der Zeit von 1642-1655 und dann seine letzten Lebensjahre nach dem Konkurs von 1656 bis zum Tod 1659.

Auch unter den Leihgaben gibt es großartige Werke, die zum Teil aus Sammlungen in den USA gekommen und selten in Europa zu sehen sind: wie etwa ein mit Brauntönen spielendes Bildnis eines Mannes mit Hut in den Händen. Und auch die Arbeiten von Rembrandts Amsterdamer Kollegen und Konkurrenten wie Jan Lievens und Jacob Backer sowie seines Lehrers Pieter Lastman sind in die Erzählung der Ausstellung überzeugend eingewoben.

Stephanie S. Dickey entwirft so nicht nur ein Porträt Rembrandts, sondern auch des Amsterdamer Kunstmarkts. Jochen Sander, Sammlungsleiter im Städel, assistiert mit den Strategien, wie sich Künstler in diesem dichten Konkurrenzumfeld durchsetzen konnten. Das klingt geradezu zeitgenössisch: Rembrandt hat sich selbst mit seinem Vornamen zur Marke gemacht. Darauf zielt der deutsche Ausstellungstitel: „Nennt mich Rembrandt“.

In Ottawa setzte der Titel den Akzent auf Amsterdam, was im Ausstellungsparcours gleich zu Beginn deutlich wird. Die wirtschaftliche Blütezeit der Handelsmetropole fällt in jene Jahre, in denen Rembrandt hier lebte. Oder umgekehrt: Rembrandt ging nach Amsterdam, weil es dort viel zu verdienen gab. Es war die reichste Stadt, sie zog Zuwanderer an, weil hier – in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges – Frieden und religiöse Toleranz herrschten. Das Rathaus, das abbrannte, wurde neu errichtet. Es wurde das damals größte öffentliche Gebäude der Welt und ist in der Bilderschau des Städel außen wie innen zu besichtigen.

Schnell fällt auch der Blick auf den Wirtschaftsmotor. Reinier Nooms „Ansicht des Amsterdamer Hafens“ zeigt die bauchigen, aber zu ihrer Zeit höchst effizienten Schiffe. Amsterdams Werften bauen sie billiger als anderswo. Die Handelsgesellschaften betreiben sie mit wenig Aufwand und Personal. Glaubt man den Zeitgenossen, hätten französische Schiffsbesatzungen das Essen, das bei den Niederländern serviert wurde, über Bord gekippt.

Die Flotte führte die Handelskompanien nach Asien und Amerika. Diese rentablen Unternehmen zogen Kapital aus ganz Europa an. Und an der Amsterdamer Börse wurden, wie ein Bild von Job Berckheyde aus dem Städelbestand zeigt, auch Gemälde verkauft. So erscheint der Kunstmarkt eingebunden in das globale Marktgeschehen um Pfeffer, Seide, Porzellan, Zucker, Tee und Kaffee. Und um die Sklaven, deren Arbeit jene gerade in Amsterdam aufkommende Konsumkultur möglich machte.

Fürsorglich warnt das Städel seine Besucher, dass das „Goldene Zeitalter“ nicht für alle golden war. Das Historische Museum in Amsterdam hat das „Goldene Zeitalter“ schon umgetauft: in „Graues Zeitalter“.

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