Rücktritt vom Rücktritt – ohne Strom

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Klaus Meine (rechts) und die Scorpions haben ihre Probe-Session in der Kemptener Big-Box beendet – und ihre Unplugged-Tour gestartet. (Foto: Dorsch)
Schwäbische Zeitung
Nicolai Kapitz

Eigentlich waren sie ja auf Abschiedstour, die Scorpions. 2010 hatten sie eine Welttournee gestartet, 2012 das angeblich letzte große Open-Air-Konzert gespielt und immer wieder beteuert, die Gitarren dann demnächst endgültig an den Nagel hängen zu wollen. Doch so richtig lösen können sich Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. von der großen Bühne nicht. 2013 folgte der Rücktritt vom Rücktritt: Die Scorpions nahmen in Athen ein MTV-Unplugged-Konzert auf und kündigten an, mit diesem Programm in Deutschland auf Tour zu gehen. Der Auftakt zu dieser Tournee spielte sich nun überraschend in Kempten ab. Die Band hatte in der Allgäu-Big-Box mehrere Tage für die Konzerte geprobt. Die Fans in der Box kamen so relativ unverhofft als Erste in den Genuss des stromlosen Scorpions-Programms. Und es wurde ein überraschender und sehr angenehmer Abend.

Die Atmosphäre in der Big-Box war geradezu familiär und heimelig. Das Bühnenbild zeigte sechs griechische Säulen, dazu einige antike Symbole – das zur Tour gehörende Album heißt ja auch „MTV Unplugged – in Athens“. Bis knapp sechs Meter vor der Bühne standen Stühle, davor war Platz für die eingefleischten Fans, die sich schon Stunden vor dem Konzert eng an die Bande drängten. Nicht einmal zwei Meter sollten die Vordersten später von den Scorpions trennen. Die Stimmung schwappte denn auch sofort von der Bühne ins Publikum, als die Band loslegte.

„Sting in the Tail“ war der erste von 23 Songs im Unplugged-Programm, flott im Country-Style. Auffällig: Die Songauswahl lief – vor allem zu Beginn – an den großen Klassikern der Scorpions vorbei. Das erste Stück, bei dem mehr als die erste Reihe den Text einigermaßen sicher mitging, war „Send me an Angel“ – als zwölfter Titel. Die echten Fans, die sich von den Scorpions nicht nur aus dem Radio berieseln lassen, sondern auch daheim aus dem Plattenschrank, haben sich darüber gefreut. Es kamen Titel, die im großen Tourneeprogramm sonst nicht auftauchen: „Speedy’s Coming“, „The Best Is Yet to Come“ oder das gefühlvolle „Born to Touch Your Feelings“. Alle Titel kamen im Unplugged-Gewand daher, manche mehr, manche weniger umarrangiert. Wer allerdings zum Mitsingen gekommen war, musste bis zu den Zugaben warten. Erst da kamen dann „Wind of Change“, „Big City Nights“, „Still Lovin’ You“ und „Rock You Like a Hurricane“. Letzteres übrigens trotz Akustikgitarren, Streichern und Piano als ordentliches Rock-Brett. Die Balladen dagegen waren minimalistisch instrumentalisiert und kamen mit weniger Pathos als gewohnt, dafür mit mehr Gefühl herüber.

Bis zu 20 Musiker standen während des Konzerts auf der Bühne. Die Scorpions holten für einige Songs Gastsänger auf die Bühne: Sängerin Cäthe und Johannes Örding aus Hamburg. Und sie ließen sich vom Streicher-Oktett „Strings of Heaven“ und der „Schweden-Gang“ unterstützen. Ersteres ist ein Ensemble aus Athen, Letzteres sind die Studiomusiker, die für den echten Unplugged-Sound sorgten. Vier Gitarristen, ein Mann am Flügel, ein Percussionist und ein Schlagzeuger. Schlagzeuger? Ja. Denn die Band stand ohne Schlagzeuger James Kottak auf der Bühne.

Alle Musiker in Spiellaune – fast

Dafür saßen die wahren Scorpions-Gesichter auf ihren Barhockern ganz vorne an der Bühnenkante: Sänger Klaus Meine, Lead-Gitarrist Matthias Jabs und Rudolf Schenker, Bandgründer und Scorpions-Mastermind. Bassist Paweł Maciwoda saß ein wenig weiter hinten. Aufgelegt waren die Jungs echt gut: Jabs interpretierte seine Soli anders als auf der E-Gitarre, aber so prägnant und sauber wie eh und je. Und Klaus Meine durchschnitt mit seiner Stimme gewohnt klar die Soundkulisse der Musiker, da saß jeder Ton. Einzig Rudi Schenker blieb irgendwie blass. „Ich glaub, der hat was getrunken“, raunte ein Zuschauer dem anderen zu. Apathisch hing Schenker über seiner Gitarre, spielte bei den Songs kaum mit. Mindestens 15 verschiedene Gitarren benutzte Schenker, aber aus keiner einzigen holte er einen Ton heraus, an den sich später noch jemand erinnern konnte. Das gelang ihm zwar bei „When You Came into My Life“ auf einer Sitar – allerdings nur, weil er ab und zu hörbar danebengriff.

Schenker schuf allerdings doch einen der Höhepunkte des Abends: Klaus Meine, Matthias Jabs und eben Schenker präsentierten jeweils einen nagelneuen eigenen Song. Schenkers „Love is the Answer“ war davon der mit Abstand schönste. Klaus Meine sorgte noch für einen unfreiwilligen Lacher: Beim Klassiker „Blackout“ unterlief ihm ein solcher. Er schmiss den Ständer samt Mikrofon um – ein lautes „Rummms“ und einiges Gelächter erntete er dafür. Für den gesamten Abend ernteten Klaus Meine und die Scorpions vom Publikum dagegen viel Applaus. Am Schluss wurden sie von den 4500 in der Big-Box frenetisch gefeiert, die Stimmung war toll. Der Auftakt in Kempten war für eine Konzertreihe, die sich in München, Köln, Hamburg und Stuttgart fortsetzt, mehr als würdig.

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