Politische Effekte der Pandemie

 Das Staatsoberhaupt als Anführer des Staatsstreichs: Das Gemälde des Venezianers Francesco Hayez (1791-1882) zeigt den Dogen Ma
Das Staatsoberhaupt als Anführer des Staatsstreichs: Das Gemälde des Venezianers Francesco Hayez (1791-1882) zeigt den Dogen Marin Falier. Der Große Rat der Stadt warf ihm vor, sich zum Alleinherrscher machen zu wollen. Hayez zeigt, wie der 80-jährige Falier (im schwarzen Gewand) die Abzeichen seines Amtes zurückgibt, bevor er im April 1355 an der Treppe des Dogenpalasts hingerichtet wird, an der er den Amtseid geschworen hatte. (Foto: wiki commons)
Reinhold Mann

Corona und die Pest – das ist ein verlockender Vergleich. Volker Reinhardt, der im schweizerischen Fribourg Geschichte lehrt, bremst aber gleich die Erwartungen beim Vergleich der aktuellen Epidemie mit der Pestwelle, die in den Jahren 1347 bis 1353 über Europa hinwegrollte: „Der Vergleich liegt nahe und ist legitim, aber zugleich gefährlich, ja in die Irre führend“, schreibt er in seiner Einleitung zu seinem Buch „Die Macht der Seuche“. Er legt Wert auf die „grundlegende Andersartigkeit“ der Vergangenheit. Für die Inspektion des mittelalterlichen Pest-Szenariums, die sein Buch – aus aktuellem Anlass – entfaltet, verspricht er „eine Reise in die Fremdheit“.

Der erste Unterschied zwischen heute und damals ist der zwischen Virus und Bakterium. Und die Tatsache, dass der Erreger im 14. Jahrhundert nicht bekannt war. Erst mehr als 500 Jahre später wurden das Pestbakterium und der Übertragungsweg via Ratte und Floh auf den Menschen entdeckt. Archäologen können heute an Pest-Toten, speziell an ihren Zähnen, den Pandemie-Erreger nachweisen und den Weg der Welle verfolgen. Da kommen dann Ähnlichkeiten auf: Auch die Pest kam aus China.

Ihr Weg führte über die Hochebenen Zentralasiens, wo sie sich 1331 auszubreiten begann, bis auf die Krim, wo 1346 ausgedehnte Regionen in kurzer Zeit entvölkert wurden. Von hier ging es direkt ins Herz Europas. Die Pest reiste an Bord einer Flotte von zwölf Galeeren, die von der genuesischen Handelsniederlassung Caffa auf der Krim zum Heimathafen unterwegs war. Sie machte Halt in Istanbul und im Herbst 1347 in Messina. Dessen Bewohner erkannten schnell, dass eine Seuche von der Besatzung auf die Stadt übergesprungen sein musste und vertrieben die Flotte. Als die dann Genua erreichte, war ihr der Ruf vorausgeeilt: Genua verweigerte die Einfahrt in den Hafen. Die Besatzung einer Galeere ging in der Nähe der Stadt an Land, die anderen Schiffe segelten nach Marseille. Dort kam die Pest am 1. November 1348 an. Eine der Galeeren war von Sizilien aus nach Venedig unterwegs.

Die Pest hatte damit drei Startpunkte in Europa. Von Marseille aus wanderte sie die Rhone aufwärts und erreichte – gut dokumentiert – im März 1348 Avignon, damals das Exil des Papstes. Im Sommer war sie in Paris, 1349 ist sie in Schottland angekommen. Über die Handelswege entlang der Rhone gelangte die Pest auch in die Schweiz, von dort nach Süddeutschland und verteilte sich über viele, aber nicht über alle Reichsstädte. In Italien blieb gerade eine Stadt verschont, die besonders stark vernetzt war: die Handelsmetropole Mailand. Warum das so ist, schreibt Reinhardt, sei ein Gegenstand der Forschung.

Nun ist Reinhardt ein ausgewiesener Kenner der Geschichte Italiens, und seine Darstellungen der Verhältnisse in den oberitalienischen Städten während der Pestzeit ist ein wahres Kabinettstück, vielleicht auch eine zugespitzte Pointierung. Der Höhepunkt ist die Gegenüberstellung der Verhältnisse in Mailand und Venedig. Die Voraussetzungen für alle Herrscher und Herrschaftssysteme war unter den Pest-Bedingungen gleich: Niemand konnte wissen, wie die Ansteckung funktionierte. Aber wie reagierten die, die Verantwortung und Macht hatten?

In der Republik Venedig schafft der Große Rat die Pestkranken samt ihren Familien auf eine entlegene Nachbarinsel. Diesem Konzept liegt eine soziale Diagnose zugrunde: Die Pest ist in den unhygienisch und dicht besiedelten Armenvierteln zu Hause. Die Bürokratie der Kommune läuft heiß: Sie produziert Edikte, Vorschriften, Verbote, ruft eine Seuchen-Kommission ins Leben. Sie tut genau das, was damals als pflichtbewusstes Handeln verstanden wurde. Nur: Alle Maßnahmen sind unwirksam. Denn die eine, naheliegende Möglichkeit, die Stadt zu schützen, wurde hinausgezögert, bis es zu spät war: die Stadt abzuriegeln.

Die norditalienischen Städte und allen voran Venedig sind damals mit ihren Banken und Fernhandelshäusern die führende Wirtschaftszone Europas. Die Familien, die in diesem System ihr Geld verdienen, bilden auch den Rat der Stadt. Dass die regierende Schicht im Interesse, ihre Handelsbeziehungen nicht zu unterbrechen, den Bewohnern der Lagune damals den Schutz verweigert hat, steht für Reinhardt „außer Frage“. Damit habe sich Venedigs Nobilität politisch delegitimiert.

So folgte auf die Pest ein Putschversuch: Für die Nacht des 15. April 1355 war geplant, die Adelspaläste aufzubrechen, Besitzer samt Söhnen zu ermorden und danach den amtierenden Dogen Marin Falier zum Alleinherrscher auszurufen. Die Verschwörer kommen vor allem aus der Mittelschicht, es sind Handwerker, Kleinunternehmer, Besitzer der Schiffe für den regionalen Warentransport. Der Plan wird wenige Stunden vor den Anschlägen entdeckt. Bei den Ermittlungen zeichnet sich ab, was zunächst als unglaubwürdig galt: dass hinter den Handlangern und Helfern der Doge selbst der Kopf der Verschwörung ist. Der 80-jährige Falier wird hingerichtet.

Reinhardt beschreibt die Strukturen, die in diesen Ereignissen erkennbar werden. Die Erzählung, dass die Pest eine Verschwörung der Großhändler und Politiker war, um die Armen auszurotten, wurde, wie Reinhardt schreibt, „die europaweit beliebteste und am weitesten verbreitete aller Pest-Verschwörungstheorien“. In Venedig wurde dieses Narrativ von den Gegnern der Republik instrumentalisiert, um ein politisches Gegenmodell zu propagieren. Sie wollten die reichen Familien aus der Politik drängen und setzten auf die Signorie, die Macht des Einzelherrschers. Dieses Modell war damals in den oberitalienischen Städten auf dem Vormarsch. Reinhardts These ist, dass dieser Trend von der Pest befeuert wurde.

Das Muster einer Signorie war zu jener Zeit Mailand. Hier regierte Luchino Visconti (1292-1349). Als Alleinherrscher hatte er mit seiner fehlenden Legitimation zu kämpfen. In Jacob Burckhardts berühmter Geschichte der Renaissance tritt er als Muster von Unmoral und Willkür auf. Was Visconti auszeichnete, war allerdings, wie Reinhardt schreibt, „sein erfolgreiches Pest-Management“. Worin es im Einzelnen bestand, darüber schweigen sich die Quellen aus. Nach dem, was Reinhardt rekonstruiert, ließ Visconti die Grenzen rigoros kontrollieren und organisierte billiges Brot. Dass er auf Isolation setzte, folgert Reinhardt aus der Schrift eines Arztes, der bei der nächsten Pestwelle 1360 ein großes Lazarett vor der Stadt errichten ließ. Der Arzt empfahl, die Nähe von Pestkranken zu meiden. Die Luft in ihrer Umgebung sei ansteckend.

Auch der Papst in Avignon hatte mit seinem Leibarzt einen Glücksgriff getan. Dessen Theorie, wonach eine bestimmte Planetenkonstellation für die Pest verantwortlich sei, war exotisch, aber seine Prävention goldrichtig. Der Papst begab sich in Quarantäne und ließ den Palast mit Feuern ausräuchern. Ratte und Floh hatten so keine Chance.

Viscontis Erfolg bei der Pest-Bekämpfung kam weniger ihm selber zugute als dem Ansehen der Stadt Mailand. Und so wurde das Mailänder Staatsmodell mit der effizienten Pest-Bekämpfung in Verbindung gebracht: die Alleinherrschaft, wie sie auch dem Dogen Marin Falier in Venedig vorschwebte. Auch wenn die erzählenden Quellen der Zeit die Person Viscontis aussparten, wie Reinhardt zeigt, weil sie keine Werbung für die Tyrannei machen wollten, so ist doch das Wissen um Viscontis Verdienste in der Pestzeit bis heute präsent geblieben. Reinhardt zitiert italienische Blogs aus dem Corona-Frühjahr 2020: „Gebt uns einen zweiten Luchino Visconti.“

Reinhardts Buch hat nicht nur Oberitalien im Blick. Aber dieses Verhältnis von Pandemie und Macht, das er an den Städten nachzeichnet, ist die Pointe seines Buchs.

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