Polit-Debatte um Musikpreis: Hallo, Echo?

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 Gewaltlyrik im Namen der Kunstfreiheit: Die Echo-Nominierung von Farid Bang (links) und Kollegah überschattet die diesjährige
Gewaltlyrik im Namen der Kunstfreiheit: Die Echo-Nominierung von Farid Bang (links) und Kollegah überschattet die diesjährige Verleihung des bekanntesten deutschen Musikpreises. (Foto: imago)

„Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“: Mit dieser Textzeile haben sich die beiden Rapper Farid Bang (31, bürgerlicher Name Farid El Abdellaoui) und Kollegah (33, bürgerlicher Name Felix Blume) ins Abseits gestellt. Zu hören ist dieser geschmacklose Satzfetzen in dem Stück „0815“, einem Bonus-Lied ihrer akuellen Zusammenarbeit „Jung, brutal, gutaussehend 3“. Weil es das im Dezember 2017 veröffentlichte Album auf Platz eins der deutschen Charts schaffte und in den Jahrescharts auf Platz vier landete, ist es beim Echo nominiert, und zwar in den Kategorien „HipHop/Urban National“ und „Album des Jahres“.

Auch wenn seit 2016 eine Jury zu 50 Prozent mitentscheidet, wer am Ende den Preis bekommt – der wichtigste deutsche Musikpreis wird nach Verkaufszahlen vergeben und bildet somit jene Musik ab, die in Deutschland aktuell am beliebtesten ist. Viele Fans der Rapper sehen ihre Idole zu unrecht am Pranger stehen: Das sei eben Battle-Rap, heißt es da, Grenzüberschreitungen gehörten nunmal zu dieser Spielart des Sprechgesangs. Übertretene Grenzen gibt es jede Menge auf der Platte, die den beiden Rappern mit mehr als 200 000 verkauften Exemplaren Platin-Erfolg eingebracht hat. Sexismus und Gewaltfantasien, die hier nicht zitierfähig sind, ziehen sich durch das Album. Indiziert wurde dieser dritte musikalische Zusammenarbeit der beiden Rapper nicht, die beiden vorherigen Alben, die Farid Bang und Kollegah zusammen aufnahmen, allerdings schon. Wenn eine Platte auf dem Index steht, darf sie nicht beworben und nicht an Kunden unter 18 Jahre verkauft werden. Auch auf Streamingportalen ist das Werk dann nicht zu finden.

Von der Künstlerfreiheit gedeckt

Kritik an der fragwürdigen Textzeile kam unter anderem von der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano. Die 93-Jährige ist selbst Musikerin und äußerte sich in der „Bild“-Zeitung. Die beiden Rapper spielten guter Cop, böser Cop: Während Farid Bang sich entschuldigte und Bejarano eine musikalische Zusammenarbeit vorschlug, wetterte Kollegah gegen die „Mainstream“-Medien und warf „Bild“ versuchte Zensur vor. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte die Nominierung ebenfalls. Sie werfe die Frage auf, „ob die Echo-Preisverleihung noch seriös ist“. Am Tag vor der Preisverleihung, bei der Kollegah und Farid Band auch live auftreten sollen, erneuerten Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz ihre Kritik. Die Nominierung sei „für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“, hieß es in einer Mitteilung des Internationalen Auschwitz Komitees am Mittwoch. „Am 12. April wird nicht nur der Deutsche Musikpreis Echo verliehen, sondern auch weltweit der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begangen“, betonte das Komitee.

Der Ethikbeirat des Echo, vor einigen Jahren für die Prüfung von Zweifelsfällen gegründet, entschied sich vergangenen Freitag gegen einen Entzug der Nominierung. Es handle sich um einen Grenzfall, doch die künstlerische Freiheit sei nicht so wesentlich übertreten, dass ein Ausschluss gerechtfertigt sei. Im Beirat des Echo sitzen Vertreter der Kirchen, des Bildungswesens, der Politik und der Kultur.

Wolfgang Börnsen, Sprecher des Beirats, sagte, das Problem gehe seiner Meinung nach über den Echo hinaus. Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, wies darauf hin, dass der große Charterfolg der Platte die Debatte ja erst ermögliche. Ergo: Wenn Hunderttausende solche Texte gut finden, hat nicht nur der Echo ein Problem.

Bereits in den Jahren zuvor gab es Ärger um den Echo. 2013 war die Südtiroler Rockband Frei.Wild für den Echo nominiert. Die Band gehört seit Jahren zu den in Deutschland erfolgreichsten Gruppen; aktuell ist das Quartett mit seinem Album „Rivalen und Rebellen“ auf Platz zwei der deutschen Charts. Vor fünf Jahren wurde die Band, der Kritiker das Propagieren von völkisch-nationalistischem Gedankengut vorwerfen, wieder vom Echo ausgeladen. Nach Protesten von Musikern wurde die Nominierung fallengelassen. 2014 schlug die Band um Sänger Philipp Burger die erneute Einladung zum Echo dann selbst aus, bevor sie 2016 dann durch ihren andauernden Erfolg einen Echo gewann und auch zur Preisverleihung kam.

Skandälchen und Aufmerksamkeit

Die Debatte um die Nominierung von Farid Bang und Kollegah erinnert an die Kontroverse um Bushido und den „Integrations-Bambi“: Der Berliner Gangsterrapper, der immer wieder wegen frauenverachtender und gewaltverherrlichender Texte in der Kritik stand, wurde 2011 vom Burda-Verlag mit diesem Preis ausgezeichnet – auch damals hagelte es Kritik von allen Seiten.

Böse Zungen behaupten, dass vom Echo ohne Schlagzeilen um die Nominierungen überhaupt niemand Notiz nehme. Auch woanders spielen bei Preisverleihungen gerne mal die Kapriolen am Rande eine größere Rolle als die Auszeichnungen selbst. Als bei den amerikanischen Video Music Awards 2003 die einstige Provokationskönigin Madonna der Popgröße Britney Spears einen Kuss auf die Lippen drückte, war die Aufregung in den USA groß. Zwei Frauen, ein Kuss – und das live im Fernsehen. Wer in jenem Jahr die Auszeichnung für das beste Video mit nach Hause genommen hat, daran erinnert sich heute wohl keiner mehr. Von solchen Skandälchen, die niemandem wirklich wehtun, aber weltweite Aufmerksamkeit garantieren, dürften die Echo-Macher dieser Tage nur träumen.

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