Polen: Brisanter Doku-Film über Missbrauch

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 Aktivisten haben den Film „Sag es bloß keinem“ vor dem Sitz des Erzbischofs Slawoj Leszek Glodz in Danzig abgespielt. Glodz sol
Aktivisten haben den Film „Sag es bloß keinem“ vor dem Sitz des Erzbischofs Slawoj Leszek Glodz in Danzig abgespielt. Glodz soll von einem Fall gewusst haben und nichts dagegen unternommen haben. (Foto: Imago-images)
Gabriele Lesser

Europa-Wahlkampf in Polen: Die regierende nationalkonservative Partei PiS wollte mit der „Verteidigung der Kirche“ punkten. Doch nun löst ein Dokumentarfilm zum Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ein Beben aus. Bereits 14 Millionen Polen haben den Film des polnischen Journalisten Tomasz Sekielski gesehen.

Schamrot sind die Gesichter der drei missmutig-arrogant dreinschauenden Erzbischöfe zwar nicht, doch der rosarote Farbton auf dem Schwarz-Weiß-Titelbild des Nachrichtenmagazins „Newsweek Polska“ gibt die Stimmung in Polen gut wieder: Entrüstung und tiefe Scham. In dem zweistündigen Dokumentarfilm „Sag es bloß keinem“ geht es um sexuellen Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche in Polen und die jahrzehntelange Vertuschung dieser Verbrechen durch Bischöfe und Erzbischöfe.

Alle konnten es wissen

Das Thema ist nicht neu, doch in diesem Film wagen sich zum ersten Mal Opfer vor die Kamera, berichten von ihrem kindlichen Entsetzen durch den Missbrauch, von verzweifelten Versuchen, ihren Peinigern zu entkommen, und von ihrem zerstörten Leben. Der Film macht klar: Alle konnten es wissen, die es wissen wollten: die Bischöfe und Gläubigen, die Staatsanwälte und Richter, die Journalisten und die Politiker.

Ob die Diskussion wahlentscheidend sein wird, wagt niemand in Polen vorherzusagen. Doch für die seit 2015 allein regierenden Nationalpopulisten von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kommt die Debatte über die Sexualstraftäter in der Soutane höchst ungelegen. Denn eigentlich sollte die katholische Kirche im PiS-Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielen. Politiker wie der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski, erzkonservative Priester, Publizisten und Bischöfe spielen sich schon seit einiger Zeit die Bälle zu. So teilt die PiS sowohl die kirchliche Genderideologie gegen Feministinnen als auch diejenige vom „Homoterror“. Angeblich würden Schwule, Lesben, Feministinnen und das „linke Lumpenpack“ die katholische Kirche Polens angreifen und damit auch die ureigenste Identität der Polen, wetterte Kacyznski bislang in seinen Wahlkampfauftritten. Die PiS aber, so versicherte der faktisch mächtigste Mann Polens, werde die Kirche verteidigen: „Denn wer die Hand gegen die katholische Kirche erhebt, erhebt die Hand gegen Polen!“

Der Film ändert nun alles. Denn er macht klar, dass die Bischöfe und Erzbischöfe die Sexualstraftäter oft einfach nur in eine andere Gemeinde versetzten, wo sie vielleicht keinen Kontakt mehr mit Kindern haben sollten, dann aber doch Kommunionkinder betreuten, Messdiener hatten – und erneut Kinder missbrauchten oder vergewaltigten.

Episkopat bekennt Mitschuld

Obwohl das Episkopat vor einigen Wochen schon seine Schuld eingestand und Besserung versprach, wollte doch keiner der Bischöfe mit dem bekannten Investigativ-Journalisten Tomasz Sekielski vor der Kamera sprechen. Und als sich jetzt der Danziger Erzbischof Slawoj Glodz zum Film äußern sollte, ließ er die Journalistin abblitzen: „Ich schaue mir nicht irgendwas an. Attackieren Sie mich nicht! Ich bin nicht so naiv, wie Sie, Frau Redakteurin, zu denken scheinen!“ Inzwischen hat sich der Erzbischof allerdings für seine Einlassungen entschuldigt.

Aufwind für alternative Partei

Die PiS kann sich nun nicht mehr als Verteidiger der Kirche aufspielen, und auch das „Hände weg von unseren Kindern!“, mit dem Kaczynski vor wenigen Tagen noch gegen die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Eltern gewettert hatte, fliegt ihm nun wie ein Bumerang an den Kopf. „Hände weg von unseren Kindern“, ruft Robert Biedron zurück, der Gründer der sozialdemokratisch-alternativen Partei Wiosna (Der Frühling). Anders als Kaczynski meint der erste sich öffentlich zu seinem Schwulsein bekennende Politiker die Sexualstraftäter in den Soutanen. Und viele Polen klatschen nun Biedron Beifall.

Kaczynski und seine PiS, die den Umfragen zufolge nach wie vor in der Wählergunst führen, aber bereits Verluste einstecken mussten, rissen kurzfristig das Steuer herum. Statt die Kirche zu verteidigen, sind es nun plötzlich die Kinder, die die PiS angeblich ja schon immer verteidigt habe. Das Alter für erlaubten Sex soll auf 18 Jahre hochgesetzt werden, so Kaczynski. Damit würde dann allerdings jugendlicher Sex mit 16 oder 17 Jahren auch strafbar. Zudem sollen die Strafen für sexuellen Missbrauch Minderjähriger auf bis zu 30 Jahre hochgesetzt werden. Angeblich solle dies auch für kirchliche Sexualstraftäter gelten. Bisher entkommen die meisten dem weltlichen Gericht durch das Konkordat, das ein kircheninternes Strafverfahren nach kanonischem Recht vorsieht.

Vatikan ist alarmiert

Jahrelang vertuschten Polens katholische Bischöfe sexuellen Kindesmissbrauch in ihren Diözesen. Das Ausmaß der Verbrechen war auch den meisten Gläubigen nicht klar. Jetzt aber sahen sich bereits über 14 Millionen Polen den zweistündigen Dokumentarfilm „Sag es bloß keinem“ an. Erzbischof Stanislaw Gadecki, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, hat sich sofort nach Freischaltung des Films zu Wort gemeldet: „Im Namen der ganzen Bischofskonferenz möchte ich mich bei allen geschädigten Personen sehr entschuldigen.“ Doch das reicht vielen Gläubigen nicht mehr. Sie wollen Taten sehen. Da genügt es nicht, dass in Lichen vor der großen Marien-Wallfahrtskirche ein Denkmal verhüllt wird, auf dem einer der Täter aus dem Dokumentarfilm, der heute 91-jährige Priester Eugeniusz Makulski, zusammen mit Papst Johannes Paul II. zu sehen ist. Der Opferverband „Fürchtet Euch nicht“ fordert die Aufhebung der Verjährung von Kindesmissbrauch, eine angemessene Entschädigung für alle Opfer und eine unabhängige Untersuchungskommission, die dem Beispiel anderer Länder folgend den Missbrauch in der katholischen Kirche aufarbeitet.

Der Vatikan, der das Schlimmste für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Polen befürchtet, schickt den Sondergesandten Erzbischof Charles Scicluna nach Warschau. In Chile trat nach dem Auftauchen Sciclunas die gesamte Bischofskonferenz zurück.

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