„Pique Dame“ in Heidenheim

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 Alles futsch: Hermann, ein Offizier, (George Oniani, Mitte) versucht sein Glück am Spieltisch – und scheitert.
Alles futsch: Hermann, ein Offizier, (George Oniani, Mitte) versucht sein Glück am Spieltisch – und scheitert. (Foto: Oliver Vogel)
Katharina von Glasenapp

Die Opernfestspiele Heidenheim haben ihr diesjähriges Programm mit „Glück“ überschrieben und konnten am Premierenabend der großen Opernproduktion von Peter I. Tschaikowskis „Pique Dame“ schon einmal mit Wetterglück punkten: Zum lauen Sommerabend drängten sich die Premierengäste auf der eng bestuhlten Tribüne im ehemaligen Rittersaal der Staufer von Schloss Hellenstein.

Die Atmosphäre in diesem nach oben offenem Raum ist besonders: Die Anlage mit dem späteren Renaissanceschloss, Kirche, Wehrturm, Mauerresten und großen Pflastersteinen hat schon von sich aus etwas Theatralisches, der Blick schweift hinunter in die spielzeugkleine Stadt. Die erhaltene hohe Mauer bildet die natürliche Bühnenrückwand und ist Voraussetzung für die erstaunlich gute Akustik. Mit wenigen Mitteln wird die eher breite als tiefe Bühne zur Spielfläche von Solisten und Chor. Verglichen zu etwa Bregenz hat eine Aufführung in Heidenheim etwas Intimes: Die Sängerstimmen sind nicht verstärkt, die Stuttgarter Philharmoniker musizieren live im Orchestergraben – weshalb eine Aufführung in diesem „Rittersaal“ nur bei absolut sicheren Wetterverhältnissen stattfinden kann –, das Publikum wird hineingezogen in die großen Emotionen von Tschaikowskis Musik.

Dabei gehört die zweite große Oper nach Alexander Puschkin nicht zu den gängigsten Werken und bietet mit ihrer psychologischen Charakterzeichnung eines Spielsüchtigen schweren Stoff. Im schlichten Bühnenbild von Britta Tönne, das mit seinen zahlreichen Türen einen raschen Auf- und Abtritt in den Chorszenen ermöglicht, inszeniert Tobias Heyder mit klarer Hand den zunehmenden Verfall des Protagonisten. Kostüme (Verena Polkowski) und Lichtregie (Hartmut Litzinger) setzen kräftige Akzente.

Musikalisch auf hohem Niveau

Marcus Bosch, der künstlerische Direktor und Hauptdirigent der Opernfestspiele, liebt Tschaikowskis seelenvoll leidenschaftlichen Ton, er lässt die Stuttgarter Philharmoniker in den Streichern und Holzbläsern raunen, seufzen und wispern, gestaltet mit den Blechbläsern dunkle Dramatik und kräftig auftrumpfende Fanfaren. Im Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn (Einstudierung Zuzana Kadlečikova) hat er wie schon in den vergangenen Jahren ein ebenso spielfreudiges wie klangschönes und stimmgewaltiges Ensemble an der Seite, das die vornehme russische Gesellschaft repräsentiert. Tschaikowskis „Pique Dame“ ist ja auch reich an Chorszenen: Man feiert den Frühling, ein Gewitter ist Spiegel der Emotionen, auf einem Maskenball spielt man die Zeit des Rokoko mit einem Schäferspiel nach, im Spielcasino drängen sich die Männer um Hermann.

Das musikalisch hohe Niveau gilt auch für die Sängerinnen und Sänger, die überwiegend aus den östlichen Ländern kommen: Gesungen wird in russischer Sprache, deutsche Übertitel erleichtern das Verständnis für die komplexe Handlung. Der georgische Tenor George Oniani verkörpert Hermann, den deutsch-russischen Offizier, der sich in die junge Lisa verliebt hat, der sich aber auch in die fixe Idee verrannt hat, mit drei bestimmten Spielkarten sein Glück zu machen. Der Weg dazu führt über die alte Gräfin, die das Geheimnis der Karten kennt und die nur „Pique Dame“ genannt wird.

Stimmlich eindrucksvoll mit dunkel timbriertem Heldentenor gibt Oniani diese schwere Traumpartie, immer mehr verdüstert sich Hermanns Geist bis zum tragischen Ende am Spieltisch. Die armenische Sopranistin Karina Flores überzeugt als Lisa, die sich vom kindlichen jungen Mädchen zur großen Liebenden wandelt und schließlich in den Tod geht. Mit noblem Bariton gibt Csaba Szegedi den warmherzigen Fürsten Jelezki, der um seine Verlobte Lisa wirbt – mag er seine Romanze auch noch so schön singen, bleibt er doch uninteressant für sie.

Mit großer Bühnenpräsenz erfüllt Roswitha Christina Müller die Rolle der alten Gräfin: Einst stand diese in Paris im Mittelpunkt der Gesellschaft und hatte mit ihrem Wissen um die drei Spielkarten, die zum Gewinn führen, Macht vor allem über die Männer. Die zahlreichen kleineren Rollen sind ebenfalls stimmig besetzt.

Wenn die Inszenierung auch etwas an der Oberfläche bleibt, so entstehen doch vor allem beim Tod der Gräfin und ihrem alptraumhaften Erscheinen Szenen von großer Dichte.

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