„Pinocchio“ auf Disney Plus: Ein braver Bube in einer bösen Welt

Die Neuverfilmung von „Pinocchio“ will der Disneykonzern direkt auf seinem Streamingdienst starten.
Die Neuverfilmung von „Pinocchio“ will der Disneykonzern direkt auf seinem Streamingdienst starten. (Foto: imago)
Stefan Rother

Für Filmfreunde sind es verwirrende Zeiten. Der Abstand zwischen Kino- und Streaming-Auswertung ist mittlerweile teils so kurz, dass man sich bei einigen Filmen fragt, wo diese denn nun gerade laufen oder ob man den Kinostart schlicht verpasst hat. Kamen das „Toy Story“-Spin-off „Light year“ oder der neue „Thor“-Superheldenfilm nicht gerade erst auf die große Leinwand? Und wann war „Pinocchio“ dort eigentlich zu sehen?

„Pinocchio“ auf Disney Plus ist keine völlige Katastrophe

Im Falle des berühmten Holzjungen lautet die Antwort: Gar nicht. Tatsächlich hat sich der Disneykonzern dazu entschlossen, den Film direkt auf seinem Streamingdienst zu starten. Das verwundert, denn die bisherigen Realverfilmungen von Disney-Klassikern bekamen durchaus einen Kinostart spendiert.

Ein solcher garantiert laut jüngsten Studien größere Aufmerksamkeit und wird auch bei der Zweitauswertung als Stream als höherwertiges Produkt angesehen. Zudem kommen nur Filme, die zumindest für eine kurze Zeit in einer beschränkten Anzahl von Kinos liefen, für eine Oscarnominierung infrage.

Für eine solche wäre die „Pinocchio“-Neuverfilmung trotz namhafter Schauspieler und eines Oscarprämierten Regisseurs allerdings wohl kaum infrage gekommen. Der Film ist keine völlige Katastrophe, wie einige bereits veröffentlichte Kritiken vermuten lassen, aber doch eine recht durchschnittliche Angelegenheit geworden.

„Pinocchio“ ist ideal für einen verregneten Nachmittag auf der Couch

Bei einem teuren Kinobesuch mit der Familie hätte man sich wohl geärgert, an einem verregneten Nachmittag nimmt man den Film im heimischen Wohnzimmer aber durchaus gerne mal mit. Und genau dies dürfte auch Disneys Kalkül gewesen sein: Ein Kinostart mit schlechten Kritiken hätte den Film „verbrannt“, beim Streamingstart läuft dieser eher unterhalb der breiteren Wahrnehmungsschwelle.

Zudem spart sich der Konzern damit einen guten Teil der Werbungskosten, die bei einer globalen Kampagne mittlerweile fast an die Produktionskosten der Filme heranreichen können.

Abgesehen von der Auswertungsstrategie stellt sich die Frage: Braucht es überhaupt eine Neuverfilmung von „Pinocchio“? Bei der Animeserie, die in den 1970er-Jahren im deutschen Fernsehen lief, kann man durchaus Bedarf für ein Update feststellen: Zwar wird die Geschichte über 52 Folgen hin nett erzählt und den Titelsong von Mary Roos – „ Kleines Püppchen, freches Bübchen“ – kriegt man kaum mehr aus dem Ohr.

Modernen Sehgewohnheiten entspricht die schlichte Animation aber kaum noch. Der Disney-Spielfilm aus dem Jahre 1940 ist dagegen weitaus besser gealtert und kann noch heute mit seinem Charme überzeugen.

Die Neuauflage von „Pinocchio“ wirkt hölzern

Im Vergleich dazu wirkt die Neuauflage eher hölzern, obwohl hier mit modernster Technik gearbeitet wird. Die Regie übernahm Veteran Robert Zemeckis, der mit „Zurück in die Zukunft“ und „Forrest Gump“ Klassiker geschaffen hat. 2005 aber auch mit „The Polar Express“ im Animationsgenre neue Maßstäbe setzte, indem er reale Schauspieler mit Animation vereinte.

16 Jahre zuvor war ihm dies bereits zwar mit dem frechen„Roger Rabbit“ gelungen, doch dieses Mal kamen die meisten Figuren und Hintergründe aus dem Computer.

Auch in „Pinocchio“ ist Tom Hanks als Spielzeugmacher Geppetto fast der einzige menschliche Darsteller. Er hat seine Frau und seinen Sohn wohl jung verloren und baut nun eine Holzpuppe, um an seinen Jungen erinnert zu werden. Als er sich wünscht, dass aus dieser ein richtiger Junge wird, erscheint eines Nachts die blaue Fee (Sheila Atim) und erfüllt ihm genau diesen Wunsch.

Auch in der Neuverfilmung erlebt Pinocchio Abenteuer

Der frisch geschnitzte Knabe (Stimme im Original: Benjamin Evan Ainsworth) weiß natürlich noch nicht viel von der Welt und bekommt die schlitzohrige Grille Jiminy (Joseph Gordon-Levitt, in der deutschen Fassung: Oliver Rohrbeck) als Gewissen an die Seite gestellt.

Doch schon beim ersten Schultag läuft einiges schief, Jiminy verschläft und der naive Pinocchio gerät an einen gerissenen Fuchs (Keegan-Michael Key), der sich Ehrlicher John nennt, aber das genaue Gegenteil davon ist. John und sein Katzenkumpel verkaufen Pinocchio an Stromboli, den bösen Besitzer eines Marionettentheaters. Der wittert mit dem Einsatz der Puppe ohne Fäden großen Reichtum und sperrt den Jungen in einen Käfig. Und das ist erst der Anfang einer Reihe von Abenteuern …

Die Buchvorlage und die meisten bisherigen Verfilmungen von Pinocchio haben bei aller bunten Unterhaltung ein starkes moralisches Fundament und verhandeln Fragen wie „Was ist richtig, was ist falsch und wie sehr ist man für sein Verhalten verantwortlich“?

In der Neuverfilmung auf Disney Plus bleibt Pinocchio ein braver Bube

Dabei wird Pinocchio in Situationen gebracht, in denen er mehr als einmal in Versuchung gerät und schlechte Entscheidungen trifft. Ausgerechnet dieser Aspekt wurde in der Neuverfilmung stark abgemildert, sodass die Hauptfigur primär ein braver Bube in einer bösen Welt ist. Das nimmt dem Film einiges von seiner Spannung.

Dafür werden vor allem Jiminy und der Ehrliche John sehr gut in Szene gesetzt und haben einige gewitzte Sprüche auf Lager.

Fraglich ist, wie gut einige Anspielungen auf aktuelle Ereignisse und Figuren altern werden. Da verspürt man dann doch wieder Sehnsucht nach dem zeitlosen Original – was sich bei Bedarf natürlich gleich im Anschluss streamen lässt.

Oder man wartet für eine zeitgemäße Adaption auf „Guillermo del Toros Pinocchio“ – der Stop-Motion-Animationsfilm wird im faschistischen Italien der 1930er-Jahre angesiedelt sein und dementsprechend wohl um einiges düsterer ausfallen. Starten soll er bei der Streaming-Konkurrenz von Netflix am 9. Dezember – davor aber schon in einigen Kinos laufen. Denn bereits vor Erscheinen gilt dieser Film als heißer Oscar-Kandidat.

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