Pink kopfüber in Stuttgart

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Pink hängt kopfüber in rosanen Seilen
Cirque du Soleil plus Rockkonzert: Pink singt auch kopfüber in den Seilen hängend – und das perfekt. (Foto: Jürgen Meyer)
Veronika Renkenberger

Die Welt ist nicht gerecht. Der Mittwochabend hat es final bewiesen. Zwei Stunden lang wirbelte die US-Rocksängerin Pink über die Bühne des Stuttgarter Stadions, danach war endgültig klar: Es geht wahrhaftig nicht fair zu.

Manche sehen nett aus. Manche können schön singen. Manche sind gut im Turnen. Manche sind sehr lieb. Manche können sich teure Kleider kaufen. Manche haben die Haare schön. Der liebe Gott hat all das gerecht verteilt – haben zumindest viele Generationen von Müttern behauptet. Von wegen. Totaler Quatsch. Pink hat alles. Und von allem viel mehr.

Sie singt makellos Welthits, während sie an Bändern und gigantischen Kronleuchtern hängt. Ihre Luftnummern macht sie allein oder akrobatisch verschlungen in ihre Partner, hoch über der funkelnden Bühne, von Kameras verfolgt. Am Schluss segelt sie an Seilen längs übers komplette Stadion. Gut 40 000 Menschen unter ihr wissen nicht mehr, ob sie den Atem anhalten oder jubeln sollen. Natürlich intoniert sie auch kopfüber astrein und kraftvoll. Hinterher strubbelt sie sich grinsend durch die zehn Zentimeter aufgestellten blonden Punkhaare. War was?

Das ist musikalisch auf dem Punkt und zugleich sportlich spektakulär. Cirque du Soleil plus Rockkonzert, zwei Events in einem.

Sie hat eine Tanztruppe um sich versammelt, die lässig daherkommt und erstklassig abliefert. Sie selbst ist eh ein Derwisch, der offenbar nie außer Atem kommt. In der ersten Hälfte wird jedes Stück einzeln inszeniert wie ein kleines Musical, mit Feuerwerk und Flammenstößen. Pink zieht sich neunmal um, mal cool, mal edel, mal hauteng glitzernd. Also: massive Materialschlacht, perfekt choreografiert. Und wenn man gerade in Überlegungen verfällt, ob das alles zu viel, zu professionell ist, ändert sie die Gangart und liefert einen Block mit akustischen, fast intimen Stücken, darunter der neue Song „90 Days“ im Duett mit Wrabel und ein Cover von Cindy Laupers Hit „Time after time“, genüsslich vieltausendfach mitgesungen. Das ist Bombast und Party. Und bevor es flach wird, große Gefühle.

Die 39-jährige zweifache Mutter ist, wie man weiß, die sympathische Schimpfwort-Benutzerin von nebenan. Gut geerdet. Und mehr: eine Ikone und Vorkämpferin. Man weiß, dass sie Frauen liebte vor ihrem heutigen Ehemann, sie macht sich stark für die Rechte homosexueller Menschen. Sie spricht offen über Fehlgeburten. Ermutigt ihre Tochter und zugleich alle Frauen, sich selbst schön zu finden, sich bloß nicht anzupassen. Stellt ganz bewusst eine von Frauen dominierte Band auf die Konzertbühne.

Und sie legt sich mit Präsident Trump an. Im Konzert zeigt sie sich nahbar, bekommt einen roten Marienkäfer-Kinderrucksack geschenkt und trägt ihn einen Song lang überm Designer-Kostüm. Signiert später den Rücken einer Frau, die sich daraus ein Tattoo stechen lassen will.

Einfach genießen

Wenn man Pink ist, muss man seine Hits nicht mit Bedacht übers Konzert verteilen, sondern schöpft aus dem Vollen. „Get the Party started“, „Beautiful Trauma“, „Just Like a Pill“, „Try“, „Just Give Me a Reason“, „What about us“, „F**kin‘ Perfect“, „Raise your Glass“. Seit 2003 landen ihre Alben stets auf Platz eins der Charts, so manches haben Radiosender arg abgenudelt. Live kommt es bunt und knallig und wird gefeiert.

In diesem Meer an Mehr könnte man erneut ins Grübeln kommen: Ist so viel nicht irgendwann auch zu viel? Aber was für eine Frage. Was würde ein Kind sagen, dem man Schokolade und Eis und Kekse und Gummibärchen gibt? Oh, wie ungerecht, ich geb’ das wieder her? Wohl kaum. Am besten einfach genießen.

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