Philosoph Jürgen Habermas 90

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Mann mit Brille im Anzug
Der Philosoph Jürgen Habermas, 2012 in Düsseldorf aufgenommen. (Foto: dpa)
Rüdiger Suchsland

Kommunikation heißt der Zentralbegriff im Werk von Jürgen Habermas. Über alle Entwicklungen, Veränderungen, zuweilen Brüche in der mittlerweile über 60-jährigen Geschichte seines Werks hat der vor 90 Jahren, am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene, bedeutendste lebende deutsche Philosoph an der Idee einer „universalen Verständigung“ festgehalten. Und zumindest für sein eigenes Werk hat er dieses Ideal erreicht. Heute liest man Habermas in China und bei der SPD, achtet und schätzt sein Werk am Pariser Seineufer, dessen postmoderne Meisterdenker er seinerzeit mit Verve bekämpfte, ebenso wie auf dem Campus von Harvard, zu dessen Sprachphilosophie er gewissermaßen das europäische Gegenmodell entwickelte. Habermas, der heute in Starnberg lebt, ist ebenso ein Gesprächspartner für erzkonservative Kardinäle, wie für die Bürgerrechtler der ganzen Welt. Nur logisch, dass so einer gerade 2001, vier Wochen nach 9/11 auch noch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam.

Fast ein wenig zu harmonisch wirkt dieses Bild, und man zweifelt, dass es Habermas so ganz behagt. Denn dem Streit ist er nie ausgewichen, Verständigung und Konsens kann es in seiner Auffassung überhaupt nur geben, wo auch gestritten wird. Die Art, wie man streitet, ist aber entscheidend.

Kritik an Heidegger

Es begann mit einem Paukenschlag: Vor über 50 Jahren, im Sommer 1953, rezensierte der damals junge unbekannte Doktorand den neuen Vorlesungsband von Martin Heidegger, der gerade die Vorwürfe wegen seiner NS-Verstrickungen abgeschüttelt und es sich wohlig in der jungen Republik eingerichtet hatte. Verbindlich im Ton, scharfsinnig in der Sache, störte Habermas diese Gemütlichkeit, und das so nachhaltig, dass man weder ihn noch seine Argumente seitdem wieder vergessen konnte. In der Weise, in der er die Frage nach der Verantwortung des Denkens aufwarf, und auf die direkt zurückliegende Vergangenheit anwandte, machte sich Habermas zum Sprecher jener jungen Generation von Nachkriegsakademikern, die sich mit falscher Versöhnung zwischen den Älteren nicht abfinden wollten. Hier zeigten sich erste Konturen des philosophisch-politischen Profils, das sein Werk prägte und über das er in Bezug auf andere, weltanschauliche Freunde wie Feinde, in vielen seiner Bücher schrieb.

Wer sich mit Werk und Wirkung von Habermas befasst, kann beides nicht von dessen Geburtsjahr trennen. 1929, kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, in einer Epoche, die wir heute als Jahre einer kurzlebigen, scheiternden Republik und Zwischenkriegszeit kennen. Ein erstaunlicher historischer Gezeitenwechsel, der durch dieses Leben überbrückt wird: Die „Gnade der späten Geburt“ bewahrte Habermas vor dem Kriegseinsatz, aber seine ganze bewusste Kindheit war geprägt von der Erfahrung der NS-Diktatur. Kein Widerständler, sondern ein angepasster Opportunist sei der Vater gewesen, berichtete er später.

„Ich selbst bin ein Produkt der reeducation und ich hoffe, kein allzu negatives. Ich möchte damit sagen, dass wir gelernt haben, dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen oder englischen Ausprägung eine historische Errungenschaft ist.“

Bei Horkheimer und Adorno

Die eher bürgerlich-konservative Ausbildung in Göttingen und Bonn wurde durch die Jahre in Frankfurt ergänzt. Hier arbeitete er beim renommierten Institut für Sozialforschung als Assistent bei den zurückgekehrten Emigranten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Sein engster Freund und Kollege am Institut war der Liberale Ralf Dahrendorf. „Da begannen sich philosophische und politische Dinge zum ersten Mal zu berühren“, schrieb er später. Zweifellos waren Kant und Hegel für Habermas immer wichtiger als Marx.

Seitdem entstanden über 40 Bücher: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, „Erkenntnis und Interesse“, „Die neue Unübersichtlichkeit“, „Die nachholende Revolution“. Sie alle markieren geistige und politisch-kulturelle Ereignisse in der bundesrepublikanischen Geschichte – oder sind sogar selbst welche, wie Habermas’ unvergessene Intervention „Eine Art Schadensabwicklung“, die 1985 den „Historikerstreit“ auslöste – eine politische Wasserscheide für die Westdeutschen, die heute etwa 50 Jahre alt sind.

Will man Habermas’ Denkweg zusammenfassend charakterisieren, sind drei Punkte am wichtigsten: Erstens die Kritik irrationaler und ideologischer Strömungen der Ideengeschichte, das in Geschichtsbewusstsein wurzelnde unbedingte Festhalten an Vernunft gegen die Postmoderne. Zweitens die Versöhnung der Philosophie mit den neuen Herausforderungen durch Soziologie, Psychologie und die Sprachkritik der Moderne von Hofmannsthal und Wittgenstein bis zur analytischen Philosophie. Drittens schließlich die Überführung dieser Theorie in Ethik, Recht und Politik. In dieser Praxis ist Habermas' Credo die „Verwestlichung“, was sowohl Kritik des neuen Nationalismus und deutscher Sonderwege wie linker Flirts mit dem Staatssozialismus meint. Gegenüber Amerika bedeutet dies ein zwiespältiges Verhältnis, voller Dankbarkeit für offene Gesellschaft, Freiheit und liberale Kultur, voller Kritik am Verrat der westlichen Ideale der Menschenrechte und der Demokratie, wie Habermas sie gerade in den letzten 15 Jahren wieder verstärkt bemerkt. Vor dem „Einigeln auf der einen, Abriegeln auf der anderen Seite“ hat er schon vor Jahrzehnten gewarnt. Darum schaltet er sich bis heute in politische Debatten ein, meldet sich in Zeitungen zu Wort: für Europa, gegen die Restauration auf allen Ebenen. Für den Herbst ist ein neues Werk angekündigt: Das zweibändige 1700-seitige „Auch eine Geschichte der Philosophie“ – ein Buch über Wissen in Zeiten von Fake News.

Weil er weiß, dass Kommunikation und Aufklärung ihrem Wesen nach nie abgeschlossen, im besten Sinne unendlich sind, wird er diesem Land erhalten bleiben, als Mahner, Warner, als der Philosoph der liberalen Moderne und unser bester Kritiker. Eine Institution. Ein Weltbürger.

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