„Peripherie“ auf Amazon Prime: Wenn das Metaverse real wird

Chloë Grace Moretz in der Rolle der Flynn Fischer in der Serie „Peripherie“.
Chloë Grace Moretz in der Rolle der Flynn Fischer in der Serie „Peripherie“. (Foto: Sophie Mutevelian)
Stefan Rother

Die Zukunft kann ganz schön alt aussehen – wenn man sich die Prognosen mancher Science-Fiction-Werke ansieht und was daraus geworden ist. Die herausragenden Werke des Genres dagegen haben oft zentrale gesellschaftliche Entwicklungen vorweggenommen und diese teils sogar selbst mit geprägt. Der amerikanische Schriftsteller William Gibson ist hier an vorderer Stelle zu nennen, schließlich hat er in seinem 1984 erschienenen Roman „Neuromancer“ den Begriff „Cyberspace“ geschaffen.

„Peripherie“ bietet intelligente Science-Fiction-Kost

Das war einerseits eine Schlussfolgerung seiner Beobachtung der zunehmenden digitalen Vernetzung und der Möglichkeit der Schaffung virtueller Welten. Andererseits zählten zu seiner eingefleischten Leserschaft auch viele Mitarbeiter der wachsenden IT-Industrie, die von Gibsons Visionen inspiriert wurden. Auch andere von ihm popularisierte Begriffe wie „Cyberpunk“ oder „Matrix“ erwiesen sich als einflussreich in Computerspielen, Musik und Filmen. Nur mit direkten Umsetzungen seiner Werke scheinen sich Regisseure weltweit extrem schwer zu tun.

Umso verdienstvoller ist es, dass Amazon eine Serienadaption von Gibsons neuesten Büchern nicht nur geplant, sondern auch tatsächlich zur Ausstrahlung gebracht hat. „Peripherie“ bietet intelligente Science-Fiction mit weitreichenden Konzepten, aber auch beeindruckenden Bildern und reichlich Action.

Man kann nachvollziehen, warum viele Regisseure Probleme mit der Umsetzung von Gibsons Büchern gehabt haben, denn vor allem in den ersten Kapiteln macht er es seinen Lesern nicht gerade leicht. So erklärt einem der Autor zunächst überhaupt nichts und wirft einen mitten in seine Welten hinein.

Eine bessere Zugänglichkeit war aber das Ziel vom Team um die ausführenden Produzenten Lisa Joy und Jonathan Nolan. Die beiden sorgten bereits mit „Westworld“ zumindest in der ersten Staffel für eines der Science-Fiction-Highlights der vergangenen Jahre. Hilfreich war für sie sicher, dass „Peripherie“ auf zwei Zeitebenen spielt, von denen eine gewisse Ähnlichkeiten mit unserer Gegenwart aufweist.

In „Peripherie“ auf Amazon Prime geraten Gegenwart und Zukunft aneinander

Dieses Amerika des Jahres 2032 befindet sich dabei in einer tiefen Krise, der Drogenhandel beherrscht das Land und Jobs sind schwer zu finden. So sagt Gaming-Profi Flynn Fischer (Chloë Grace Moretz, „Kick-Ass“) schnell zu, als sie ihr Bruder, Kriegsveteran Burton (Jack Reynor, „Midsommar“) bittet, für ihn einzuspringen: In einem futuristischen Computerspiel soll sie einen mysteriösen Auftraggeber unterstützen. Wie futuristisch das vermeintliche Spiel allerdings wirklich ist, muss Flynn lernen, als sie bei ihrem Einsatz in sich überschlagende und lebensbedrohliche Situationen gerät. Denn das mit der neuartigen Datenbrille erlebte Geschehen hat wohl wirklich stattgefunden – allerdings in der oder besser: in einer Zukunft …

Zeitreisen sind notorisch schwer logisch durchzudeklinieren, aber Gibson gelingt eine vergleichsweise schlüssige Variante: Körperliche Zeitreisen sind zwar nicht möglich, aber dafür lässt sich in der Zukunft der Datenstrom der Vergangenheit anzapfen. Dies bleibt allerdings nicht ohne Folgen: Diese Vergangenheit entwickelt sich dadurch in eine eigene Richtung, mündet also nicht mehr in der Zukunft, die den Kontakt aufgenommen hat. Einer der Akteure in dieser Zukunft ist Wilf Netherton (Gary Carr), der für den russischen Kleptokraten Lev Zubov (JJ Feild) arbeitet. Er ist bei der Suche nach der mysteriösen Aelita (Charlotte Riley) auf Flynns Hilfe angewiesen – und muss versuchen, die junge Frau in ihrer Gegenwart zu unterstützen. Denn Gegenspieler aus der Zukunft haben einen hohen Preis auf ihren Kopf ausgesetzt.

Die sehr gelungene Besetzung trägt ein gutes Stück dazu bei, dass die Serie nicht nur als futuristisches Szenario, sondern auch auf der zwischenmenschlichen Ebene funktioniert; insbesondere die Geschwisterdynamik zwischen Flynn und Burton ist gut ausgearbeitet. Acht Folgen erscheinen bis zum 2. Dezember. Auch in der hoffentlich nicht allzu fernen Zukunft sollte für Nachschub gesorgt sein: Der Nachfolgeroman „Agency“ ist bereits erschienen, eine Verfilmung geplant. Ein abschließender dritter Teil ist in Arbeit.

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