Passionsspiele: Alle zehn Jahre wieder

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Die Friseure in und um Oberammergau hatten Anfang der Woche vermutlich jede Menge Arbeit. Denn seit Aschermittwoch gilt der Haar- und Barterlass, der besagt, dass sich die männlichen Darsteller (außer den Römern) der Oberammergauer Passionsspiele nicht mehr die Haare und Bärte schneiden lassen dürfen. Genauer gesagt bedeutet dies, dass Schere und Rasierer bis zum 4. Oktober 2020 nicht zum Einsatz kommen. An diesem Tag nämlich fällt der Vorhang zum letzten Mal, und hinter den Akteuren liegen 102 Aufführungen der 42. Oberammergauer Passionsspiele. Noch aber steckt fast das gesamte Dorf mitten drin in den Vorbereitungen für das weltweit berühmteste Laientheater, das vom Leiden und Sterben Jesu Christi erzählt und am 16. Mai 2020 Premiere feiert.

Etwas mehr als 5000 Einwohner zählt der auch für seine Lüftlmalerei und Holzschnitzerei bekannte oberbayerische Ort, fast die Hälfte davon beteiligt sich an den Passionsspielen 2020. Vom Kind bis zum Greis. „So viele wie noch nie“, schwärmt Regisseur Christian Stückl. Ganz besonders freut ihn, dass sich dieses Mal mehr Frauen als Männer beworben haben, und das, obwohl es nur wenige weibliche Hauptrollen gibt. Den Oberammergauerinnen bleiben nur Maria, Maria Magdalena, und Veronika sowie ein paar kleinere Parts, um auf der Bühne glänzen zu können. Der Rest darf Volk spielen oder Kostüme nähen oder fürs Catering sorgen oder im Chor singen oder Karten verkaufen oder oder oder.

Spielrecht für Oberammergauer

Zu tun gibt es jede Menge, und so ist es für Spielleiter Stückl meist ein Leichtes, für alle Mitwirkende eine Aufgabe zu finden. Dabei helfen ihm auch die Bewerbungsbögen. In seinem Büro im Festspielhaus zieht er einen der vielen Ordner hervor, in denen die Bewerbungen der Oberammergauer abgeheftet sind. Neben den persönlichen Daten wie Alter und Beruf haben die Männer und Frauen auch angegeben, als was sie bei vergangenen Passionen mitgewirkt haben und welche Aufgabe sie gerne 2020 übernehmen wollen. Und wie viele haben sich für den Jesus beworben? „Niemand. Das traut sich keiner“, sagt Stückl und grinst verschmitzt. Letztendlich entscheidet er alleine, wer 2020 am Kreuz hängt, Jesus richtet oder für 30 Silberlinge verrät. Der örtliche Gemeinderat hat lediglich ein Vetorecht.

Allerdings besitzt jeder, der in Oberammergau geboren und aufgewachsen ist oder seit mindestens 20 Jahren im Dorf wohnt, ein Spielrecht. Er oder sie muss also von Stückl in irgendeiner Art und Weise berücksichtigt werden. Entsprechend groß war die Anspannung bei allen im Ort, als vergangenen Oktober nach einem Festgottesdienst feierlich die Namen der doppelt besetzten Hauptrollen bekannt gegeben wurden.

Schon an den Tagen zuvor ist die Nervosität zu spüren. Nicht nur bei Stückl, der kettenrauchend durchs Festspielhaus hastet und nach eigenem Bekunden die letzten Nächte kaum mehr schlafen konnte. Die Rezeptionistin im Hotel erkundigt sich am Morgen freundlich, ob man auch zur „Verkündung“ gehe und vielleicht eine Wolldecke fürs immer kühle Festspielhaus mitnehmen wolle. Dorfführerin Helga Stuckenberger ist nicht so ganz bei der Sache, als sie am Vortag über die Kreuzigungsgruppe am Dorfrand und die denkmalgeschützten Häuser des Ortes referiert. Viel lieber erzählt sie, dass sie bereits Veronika und Martha gespielt habe und die jüngere Oberammergauer Zeitrechnung überhaupt in „vor und nach der Passion“ eingeteilt ist.

Vom Jesus zum Forstwirt

Auch Forstwirt Anton Burkhart kann bei der Führung durch den Bergwald des Naturparks Oberammergauer Alpen seine Nervosität nur schwerlich verbergen. Bei der Passion 2000 war er der Christusdarsteller, 2010 verkörperte er den Hohepriester Kaiphas und auch im kommenden Jahr hätte er gerne eine tragende Rolle. „Vielleicht den Pilatus. Aber der ist sehr begehrt – weil er die meiste Zeit sitzen kann“, verrät er. Für den Jesus sei er mit seinen 48 Jahren eh zu alt und überhaupt: „Da hängt man ganz schön lange am Kreuz. Nicht sehr angenehm.“

Frederik Mayet wirkt dagegen ausgesprochen gelassen. Er nimmt sich am Abend vor der Bekanntgabe noch Zeit, mit Journalisten im Gasthaus zusammenzusitzen. Der Christus von 2010 bestellt ein Bier und erzählt: „Jesus zu spielen, das wünscht man sich nicht, das passiert einfach.“ Er könne sich gut vorstellen, bei der anstehenden Passion noch einmal in diese Rolle zu schlüpfen. Schließlich sei dies eine große Ehre. Aber auch er habe noch keine Ahnung, wer welche Rolle morgen von Stückl zugeteilt bekommt. Und das, obwohl er Pressesprecher der Passionsspiele ist. Die Besetzungsliste sei ein großes Geheimnis, und Stückl habe wie immer kein Wort verraten oder etwas angedeutet. Entsprechend wild waren in den vergangenen Tagen die Spekulationen und Gerüchte im Ort. Denn beinahe jede Familie ist involviert, hat einen Mitwirkenden in ihren Reihen. Die Passion schweißt das Dorf zusammen. „Jeder, der in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt ist, fühlt sich als Teil einer großen Familie. Man gehört zusammen, da spielen auch Alter, Beruf und Stellung keine Rolle mehr“, behauptet Mayet. Stückl beschreibt es anders: „Die ganze Gemeinde lebt auf diesen Identifikationspunkt hin.“

Ein 18-Jähriger Muslim als Judas

Wie das halbe Dorf, jede Menge Journalisten und eine Handvoll Urlauber versammeln sich auch Frederik, Anton und Helga nach dem Festgottesdienst am nächsten Tag vor dem Festspielhaus mitten im Ort, um gespannt auf die junge Holzbildhauerin Lena Rödl zu schauen, der die Aufgabe zuteil wurde, in druckreifer Handschrift mit weißer Kreide die Namen der Darsteller auf die große Tafel zu schreiben. Bereits nach den ersten drei Buchstaben ist allen Einheimischen klar: Der Frederik wird wieder den Jesus spielen. Und der junge Rochus Rückel, 22-jähriger Student der Luft- und Raumfahrttechnik. Die meisten applaudieren, manche aber murren auch leise vor sich hin oder schütteln den Kopf. Jubelrufe erklingen, als Lena neben den Rollennamen Judas ein „C“ ein „e“ und ein „n“ malt. Man kennt sich in Oberammergau und weiß jetzt, Cengiz Görür spielt 2020 den Judas – ein heute 18-jähriger Muslim.

So hat es Stückl bestimmt, so akzeptierten es die Oberammergauer und so verteidigt der Regisseur seine Entscheidung: „Das darf nicht als Provokation verstanden werden. Judas in seiner Zerrissenheit ist eine sehr anspruchsvolle Rolle und Cengiz einfach der beste Mann.“ Görür mit dem blonden Undercut meint dazu: „Da hab ich erst mal schon geschluckt“. Schließlich ist er der erste Muslim überhaupt, der bei den Passionsspielen eine Hauptrolle übernimmt. Und dann noch den Judas, dessen Namen bis heute kein Kind tragen will.

Lange Diskussionen

Für die Oberammergauer ist der Cengiz ein Hiesiger und allein schon deswegen geht die Wahl für sie in Ordnung. Sie wissen, dass sich der Junge, wie alle anderen auch, reinhängen wird in die Proben, die im November nach einer gemeinsamen Israelreise beginnen. Um bei der Passion dabei sein zu können, werden sie alle beruflich kürzer treten, ihren Jahresurlaub, eine unbezahlte Auszeit, manche gar ein Sabbatjahr nehmen. Im Gegenzug erhalten sie eine Gage für ihr Engagement. Als Lena Rödl fertig und Stückl froh ist, „dass es jetzt raus ist“, posieren die Hauptdarsteller für die ersten Pressefotos, und die Einheimischen diskutieren auf dem Platz noch lange über die Besetzungsliste, an der sie aber wenig auszusetzen haben.

Viel mehr reiben sich die Oberammergauer an ihrem Regisseur selbst, der immer wieder Tabus einreißt. So hat er im Laufe der Jahrzehnte unter anderem durchgesetzt, dass auch verheiratete Frauen die Maria verkörpern dürfen, Konfessionen keine Rolle mehr spielen und jeglicher Antisemitismus aus dem Text gestrichen wurde. Nachdem in den letzten beiden Passionen sein Jesus ein Kämpfer und Revoluzzer war, will Stückl 2020 wieder mehr die Botschaft des Gottessohnes in den Mittelpunkt stellen. Auch das wird dann in Oberammergau sehr widersprüchlich diskutiert werden.

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