Opernkritik: „Nabucco“ bei den Heidenheimer Opernfestspielen

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Verdis „Nabucco“ inszenieren die Opernfestspiele Heidenheim als modernes Familiendrama. Den Gefangenenchor taucht Regisseurin He
Verdis „Nabucco“ inszenieren die Opernfestspiele Heidenheim als modernes Familiendrama. Den Gefangenenchor taucht Regisseurin Helen Malkowsky in blutrotes Licht. Der gefallene Herrscher Nabucco (Antonio Yang) lauscht als gebrochener Mann. (Foto: Oliver Vogel)

Weitere Termine (jeweils um 20 Uhr): Freitag, 6. Juli; Samstag, 7. Juli; Freitag, 13. Juli; Samstag, 14. Juli; Mittwoch, 18. Juli; Samstag, 21. Juli; Donnerstag, 26. Juli; Freitag, 27. Juli. Weitere Infos unter: www.opernfestspiele.de

Bumm. Die Detonation gleich zu Beginn rüttelt nicht nur die Zuschauer wach. Sie platzt nicht mitten hinein in die Bar Mizwah des Sohnes von Ismaele und Fenena. Mit einem Bombenschlag sind die Opernfestspiele Heidenheim in ihre erste große Premiere gestartet. Der Rittersaal des Schlosses Hellenstein hoch über der Stadt war die prächtige Kulisse für Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“, inszeniert von Helen Malkowsky. Der Beifall für einen gewaltigen Abend, es ging schon auf Mitternacht zu, wollte gar nicht enden.

Verdis Oper steht das moderne Gewand durchaus. Das bewiesen Malkowsky, Bühnenbildner Harald B. Thor und Videokünstler Georg Bergmann mit vereinten Kräften. Malkowsky holt das biblische Drama um Religion, Eifersucht, Hass, Macht und Größenwahn in die Jetztzeit, mit Laptop, Kriegsbildern und mit einem Hohepriester des Baal in güldenem Sakko und Gelfrisur.

Der Chor ist der Star

Ein Beispiel: Während der Tschechische Philharmonische Chor Brünn langsam mit dem berühmten Gefangenenchor Fahrt aufnimmt, taucht Malkowsky die Bühne in blutrotes Licht. Der Chor auf drei Ebenen hinter Gittern. Auf den Bildschirmen flackern Panzer, Soldaten, Bombeneinschläge – Krieg im Nahen Osten, aktueller geht’s nicht.

Nabucco (mit Uniform, Baseball-Cap und Turnschuhen: Antonio Yang), der alternde Herrscher Assyriens, kauert in sich zusammengesunken in seinem Rollstuhl. Man nimmt dem Bariton den gebrochenen Mann, den Vater zweier so unterschiedlicher Töchter (Ira Bertman als Abigaille und Katherina Hebelkova als Fenena), jederzeit ab. Eingeblendete Breaking News (Oder sind es Fake News?) vermelden schon Nabuccos Tod. „Is Nabucco still alive?“, „Will Abigaille be the future Queen?“

Aber Nabucco lebt. Wenn auch psychisch deutlich angeschlagen. „Der Augenblick fürchterlichen Zornes ist gekommen.“ Nabucco sieht sich nicht nur als König aller Völker, sondern als Gott – Größenwahn. Schließlich tötet er seinen jüdischen Schwiegersohn Ismaele (Adrian Dumitru). Doch das Ende gibt Hoffnung. Abigaille fleht um Vergebung, Nabucco ist geläutert.

Die Regisseurin sieht in der Oper vor allem das Familiendrama. Abigaille stellt beim Blättern im Familienalbum fest, dass sie eigentlich Tochter einer Sklavin ist, was ihren Machthunger und die Gier auf den Thron des Vaters durchaus erklärt.

„Viele meinen, sie kennen ,Nabucco’, aber keiner kann ihn nacherzählen“, meinte lachend vor der Premiere der künstlerische Leiter der Heidenheimer Opernfestspiele, Marcus Bosch. Gewohnt souverän führte er als Dirigent die Stuttgarter Philharmoniker durchs Stück. Dank deutscher Obertitel war die manchmal etwas verworrene Handlung stets nachvollziehbar.

Chor, Orchester und Regie lassen den Solisten genug Freiraum, um aus sich herauszugehen. Nabucco im Wahn, Abigaille getrieben von Gier, sie dürfen nach Herzenslust schauspielerisch und stimmlich den Gefühlen freien Lauf lassen, sie dürfen weinen, schimpfen, schreien, toben. Heimlicher Star, und das nicht nur wegen des Gefangenenchors, war aber der Festpielchor, der Tschechische Philharmonische Chor Brünn, unter der Leitung von Petr Fiala.

Weitere Termine (jeweils um 20 Uhr): Freitag, 6. Juli; Samstag, 7. Juli; Freitag, 13. Juli; Samstag, 14. Juli; Mittwoch, 18. Juli; Samstag, 21. Juli; Donnerstag, 26. Juli; Freitag, 27. Juli. Weitere Infos unter: www.opernfestspiele.de

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