Opernkritik: Hosokawas „Erdbeben.Träume“ in Stuttgart

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Die Hauptdarstellerin Esther Dierkes bewältigt ihre Partie ganz großartig.
Die Hauptdarstellerin Esther Dierkes bewältigt ihre Partie ganz großartig. (Foto: Bernd Weissbrod)
Werner M. Grimmel

Weitere Vorstellungen: 6., 11., 13., 18. und 23. Juli; Information und Karten: www.oper-stuttgart.de

Mit einer Uraufführungsproduktion zum Ende dieser Spielzeit nimmt Jossi Wieler als Intendant Abschied von der Staatsoper Stuttgart. In bewährter Zusammenarbeit mit Chefdramaturg Sergio Morabito sowie der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock hat er die Auftragsoper „Erdbeben. Träume“ des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa in Szene gesetzt. Die Aufführung wird musikalisch geleitet von Sylvain Cambreling, der als Chefdirigent nach dieser Saison das Haus gleichzeitig mit Wieler und Morabito verlässt.

Hosokawa (Jahrgang 1955) kam vor mehr als 40 Jahren nach Deutschland, um bei Isang Yun in Berlin, später in Freiburg bei Klaus Huber Komposition zu studieren. Danach lebte er lange in Deutschland. In den 1990er-Jahren war er künstlerischer Direktor des japanischen Akiyoshidai-Festivals. Bei der Münchner Biennale wurde 1998 seine Shakespeare-Oper „Vision of Lear“ uraufgeführt. Seine Werke sind weltweit erfolgreich.

Inspiriert von Kleist

Das ohne Pause etwa zweistündige Musikdrama „Erdbeben. Träume“ basiert auf Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ (1806), reflektiert jedoch wie schon „Stilles Meer“ auch Aspekte der Fukushima-Tragödie von 2011. Kleists Titel spielt auf eine chilenische Katastrophe im 17. Jahrhundert an. Durch das Erdbeben werden eine Hinrichtung und ein Selbstmordversuch im letzten Moment verhindert. Am Ende wird ein Baby, dessen Eltern vom Mob massakriert wurden, von einem Paar adoptiert, das selbst sein Baby verloren hat.

Marcel Beyers Libretto greift diese düstere Geschichte auf, in der Naturgewalten auch im Menschen hervorbrechen. Dabei kommen Schreckensbilder der europäischen Geschichte in den Blick. Das gerettete Kind leidet an einer Sprachstörung aufgrund der traumatischen Ereignisse seiner frühen Jahre. Auf der Suche nach seinen wirklichen Eltern tritt es eine gefährliche, akustisch und visuell beklemmende Reise zu seinen Ursprüngen an und erlebt den Bericht seiner Pflegeltern in surreal anmutenden Alpträumen.

Viebrocks Bühne zeigt eine apokalyptische Szenerie. In der Mitte ragt ein schwer beschädigter Betonbunker auf. Assoziationen an Fukushima werden wach, wo Technikversagen die Folgen von Erdstößen und Monsterwellen noch potenziert haben. Immer wieder scheint der Boden zu schwanken. Gespenstisch dämmerige, manchmal grelle Beleuchtung (Reinhard Traub) verstärkt die gruselige Stimmung. Die bunten, oft assymmetrischen Kostüme sind fantasievoll aus Versatzstücken moderner Kleidung individuell geschneidert. Science Fiction Manga-Comics lassen grüßen.

Verängstigte Wesen

Von hinten gelangen die Darsteller wie beim japanischen No-Theater über einen Steg auf diesen unwirklichen Schauplatz zwischen Lebenden und Toten. Wenn die entfesselte, von einem Anführer aufgehetzte Meute geschlossen über ihre Opfer herfällt und zum Lynchmord schreitet, kommen historische Verwerfungen und politische Desaster in den Sinn, die mit Namen wie Pinochet, Hitler oder Stalin verbunden sind.

In dieser unwirtlichen, von Grausamkeiten beherrschten Umgebung irrt die Schauspielerin Schiko Hara in als stummes Adoptivkind umher. Wie ein Wesen aus der Geisterwelt beobachtet und kommentiert sie pantomimisch oder tanzend das ganze Geschehen. Als verängstigte Figur, die zunächst nichts versteht, nur reagiert, schließlich aber durch Konfrontation mit ihrer Vergangenheit zu sich selbst findet, trägt sie berührend zur packenden Atmosphäre bei.

Hosokawas Musik kommt aus dem Schweigen, fegt anfangs wie Windböen über einsame Ebenen und steigert sich in unheimlichen Wellen zeitlupenhaft zu berstender Kraft, gewaltigem Beben und betörend schönen Schreckensvisionen, die Verdrängtes aufbrechen lassen. Im Singen befreien sich die Toten zum Leben und setzen der unnachgiebigen Kälte chorischer Masse das humane Potenzial von Liebe und Solidarität entgegen. Ester Dierkes, Dominic Große, Sophie Marilley, André Morsch, Josefin Feiler, Torsten Hofmann und Benjamin Williamson bewältigen ihre verborgen tonal geerdeten Partien großartig. Der von Christoph Heil sorgfältig vorbereitete Opernchor, der Kinderchor der Staatsoper Stuttgart und der Knabenchor collegium iuvenum sowie das von Cambreling umsichtig geleitete Orchester loten die Feinheiten der Partitur in allen Facetten aus.

Weitere Vorstellungen: 6., 11., 13., 18. und 23. Juli; Information und Karten: www.oper-stuttgart.de

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