Operndiva Jessye Norman ist tot

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Sängerin
Jessye Norman beim Auftakt zu ihrer Deutschlandtournee „Roots“ in der Münchner Philharmonie. (Foto: Tobias Hase/dpa)
Werner M. Grimmel

Sie habe es bei jedem ihrer Auftritte verstanden, „ein Ereignis zu schaffen, das weit in den Alltag nachklang“, würdigte die Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler die am Montag verstorbene Starsängerin Jessye Norman. Über den langen Zeitraum von 40 Jahren sei da in Oper und Konzert eine Künstlerin aufgetreten, „die immer alles gab, um die ganze Kraft der Kunst an ihr Publikum weiterzugeben“. Dankbar denke man bei den Festspielen an „die vielen Sternstunden, die sie uns schenkte“. Darüber hinaus stand die Diva jahrzehntelang auf den großen Bühnen der Welt.

Geboren wurde Jessye Norman am 15. September 1945 als eines von fünf Kindern einer musikalischen Familie im Bundesstaat Georgia im Südosten der USA. Ihre Eltern waren in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. Mit einem Stipendium studierte sie an der Howard-Universität in Washington Musik. Beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München gewann sie 1968 den ersten Preis. Im Folgejahr erhielt sie ein Engagement an der Deutschen Oper Berlin als Elisabeth in Wagners „Tannhäuser“. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1972 als Aida in der gleichnamigen Oper von Verdi unter Claudio Abbado an der Mailänder Scala. Im selben Jahr war sie auch am Londoner Royal Opera House als Cassandra in Berlioz’ „Trojanern“ und in Los Angeles erfolgreich.

Im weiteren Verlauf ihrer Karriere als vielseitige Opern- und Konzertsängerin erarbeitete sich Norman ein breites Repertoire vom Barock über Klassik und Romantik bis zur Moderne. Auch um damalige Raritäten machte sie keinen Bogen. So wirkte sie etwa beim Festival Maggio Musicale in Florenz an Aufführungen von Giacomo Meyerbeers „Afrikanerin“ und Händels „Deborah“ mit.

Bei den Salzburger Festspielen debütierte Norman 1977 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von James Levine. In der Folgezeit gastierte sie dort mehr als 40-mal und begeisterte Publikum und Kritiker gleichermaßen. In Erinnerung bleibt etwa ein legendäres Konzert 1987, bei dem sie unter Herbert von Karajan „Isoldes Liebestod“ sang. Rezensenten schwärmten damals von ihrer „einzigartigen, leuchtenden und wohlig melodiösen Stimme“, die „Bögen bei Karajans langsamen Tempi mühelos“ geschafft habe. Auch mit Partien des 20. Jahrhunderts konnte Norman beeindrucken. Sensationell verkörperte sie 1995 die Frau in Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“.

Bis dahin war Norman in Salzburg vor allem mit Liederabenden und im Rahmen von Orchesterkonzerten unter der Leitung von Pultstars wie Abbado oder Riccardo Muti aufgetreten. Auch in Verbiers, Saito Kinen, Aix-en-Provence und bei zahlreichen anderen renommierten Festivals war sie immer wieder präsent. Ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera gab sie 1983 anlässlich der 100. Spielzeit des Hauses. In der Jubiläumsproduktion von Berlioz’ „Trojanern“ stand sie bei dieser Gelegenheit wiederum als Cassandra auf der Bühne. Ab den 90er-Jahren trat Norman auch als Interpretin von Spiri-tuals und von Progammen mit Musik von Michel Legrand, Duke Ellington und anderen Jazzmusikern auf.

Als eine der weltweit bedeutendsten Opern- und Liedsängerinnen erhielt Jessye Norman vier Grammys für Einspielungen und einen weiteren für ihr Lebenswerk. 1996 eröffnete sie die Olympischen Spiele in Atlanta, der Hauptstadt ihres Heimatstaats. Bekannt war sie auch für ihr humanitäres Engagement im Kampf gegen Hunger, Obdachlosigkeit und für die Bildung der Jugend. In ihrer Autobiografie schrieb die Sängerin, sie habe Opern gerne schon als Kind im Radio gehört und die mit Gesang erzählten Handlungen als ganz normale Geschichten aus dem Leben von Menschen empfunden. Meistens gehe es in Opern aber nicht gut aus.

Am Montag ist Jessye Norman nun an den Folgen einer Rückenmarksverletzung, die sie vor vier Jahren erlitten hatte, im Alter von 74 Jahren in New York City gestorben. Von Peter Gelb, dem Generaldirektor der Metropolitan Opera, wurde die erste dunkelhäutige Sängerin, die im Klassikbetrieb zu Starruhm kam, als „eine der großen Sopranistinnen des vergangenen halben Jahrhunderts“ gewürdigt.

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