Oper wie im Rausch: „Ermione“ von Rossini in Erl

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Maria Radoeva in der Rolle der „Ermione“ sowie Ferdinand von Bothmer in der Rolle des „Pirro“.
Maria Radoeva in der Rolle der „Ermione“ sowie Ferdinand von Bothmer in der Rolle des „Pirro“. (Foto: Xiomara Bender/Festspiele)
Klaus Adam

Es ist ein seltsames Stück, diese Oper „Ermione“ von Gioachino Rossini. Die Uraufführung 1819 in Neapel war ein Debakel. Keine Bühne rund um den Globus war fortan an den Herzenswirren der Überlebenden des Untergangs Trojas interessiert. Erst das Rossini-Festival Pesaro 1987 weckte „Ermione“ aus dem Archivschlaf. Auch damals hat Gustav Kuhn das Werk aufgeführt, der es nun zur Eröffnung der Sommerfestspiele nach Erl in Tirol holte. Und auch wenn das Werk dramaturgisch trotz Mord und und Selbstmord wenig anrührt, das mythologische Element weit entfernt ist vom heutigen Alltag, fesselt die musikalische Gestaltung in jeder Sekunde. Das Temperamentbündel Kuhn am Pult kostet mit seinen Künstlern die reiche Partitur aus. Maria Radeva meistert mit betörender Lyrik, müheloser Koloratur und Emotion die Titelrolle der Ermione. Pauschallob gebührt dem fabelhaften Ensemble mit den zukunfstträchtigen Stimmen von Ferdinand von Bothmer, Iurie Ciobano und Hui Jin. Regie führte das Kollektiv Furore di Montegral. (adam) Foto: Festival Erl

„Versuchen Sie nicht, andere Dinge als komische Oper zu schreiben, empfahl Beethoven Rossini, „Ihren ‚Barbier von Sevilla‘ habe ich mit Vergnügen gelesen. In anderen Kunstgattungen Erfolge haben zu wollen, hieße Ihrem Schicksal Gewalt antun…“. Rossini beherzigte den Rat Beethovens nicht, immerhin wies seine Oeuvre schon zu Zeiten seines Gastspiels im Wiener Kärntnerthortheater 1922 weit mehr „Melodramma serio-eroico“ als Opere buffe auf. Unbestreitbar freilich, dass „Il Barbiere di Siviglia“ bis heute ein Weltschlager ist mit vermutlich mehr Aufführungen als alle anderen Rossini-Opern zusammen. Doch Rossini ließ sich weiterhin auch von der ernsten Muse inspirieren.

Waren es Verdis unwiderstehliche Dramatik, Bellini, Donizetti, Wagner, der sich wandelnde Zeitgeist, im deutschen Kulturraum auch Beethovens Verdikt? In der Mitte des 19. Jahrhunderts blieben die ernsten Opern Rossinis als Opfer des langen Marsches zum Fortschritt am Wegesrande zurück. Dort klaubten sie erst ein gutes Jahrhundert später die Intendanten der Met, Scala oder des Nationaltheaters München und ihre Kollegen wieder auf, um Spielplanlücken zu füllen.

Die Oper „Ermione“ beruht auf Racines Drama „Andromaque“ (1667), das sich mit dem Schicksal von Hectors Witwe befasst. Racine wird noch das Interesse Händels, Glucks, ja des 14-jährigen Mozarts („Mitridate“ 1770) und eben Rossinis 1819 hervorrufen. Dichter und sein Vertoner schufen in Zeiten, wo sie noch darauf bauen konnten, ihr Publikum sei mit Gestalten der Antike vertraut.

„Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilion hinsinkt“ prophezeit Homer. Zu Beginn von „Ermione“ ist dieser Niedergang schon Geschichte, beklagt doch der Chor in der Ouverture – welch ein origineller Einfall, ein Novum – den Fall Trojas. Eine liebliche, von Touristen noch nicht belagerte Strandlandschaft (Szene: Peter Hans Felzmann) gaukelt eine friedvolle Provinz Epirus vor, in der Pirro wenig friedvoll herrscht. Wir kennen ihn eher als Neoptolemos, Sohn des Achill, dem Andromache bei der Verteilung der Kriegsbeute als Krebse zugesprochen wurde, samt Sohn. Der kleine Astyanax, seiner Mutter Augapfel, ist als einziger Enkel des erschlagenen Königs Priamus, eine dynastisch potentielle Gefahr für die siegreichen Griechen. Er wird die Gedanken seiner Mutter für seine Rettung bis zu ihrem Suizid beeinflussen.

Etwas überraschend taucht in Epirus auch Orest auf, nicht von den Furien gehetzt, eher von Aphrodite gebeutelt. In seiner widerspruchlosen Liebe zu Ermione ist der Muttermörder von Mykene schwerlich zu erkennen. Wie gelangte wohl die ihn dominierende Ermione, Tochter von Menelaos und Helena, von Sparta nach Epirus? Laut Euripides war die nach Helenas Entführung mutterlos Aufwachsende bei Tante Klytämnestra untergebracht und verliebte sich in ihren Vetter Orest. In Rossinis Oper lernen wir sie als Verlobte Pirros kennen, der aber sein Herz an Andromache verloren hat. Die schreckt skrupelbeladen vor einer Vermählung mit dem Triumphator über Troja zurück und wählt den Freitod. Doch zu spät: Die aus Eifersucht schier übergeschnappte Ermione hat dem willfährigen Orest den Dolch für Pirros Ermordung schon erfolgreich aufgedrängt. Zu spät erkennt Ermione ihre Schuld, verfällt in Erstarrung, verlischt – und auch Orest will nicht weiterleben. Der getreue Pylades sticht ohne Orest in See. Nur Leichen ...

Deutsche Opernfans bewundern sonst Rossinis genialischen melodischen Zauber, seinen Witz, stürzen sich freudig in den Wirbel seiner Crescendi-Passagen. In „Ermione“ erleben wir andere Werte. Rossini verzichtet auf Bewährtes, sogar auf die pathetische Geste für historische Gestalten. Seine Phantasie entzündet sich an den Gefühlen der extrem schwankenden Gestalten, ja am Irrsinn er Geschöpfe. Bei „Ermione“ stehen große melodische Einfälle im Mittelpunkt, eine vielfarbige Orchestrierung, heftige Tempowechsel. Die Ansprüche an die Gestaltungskraft der Sänger ist enorm, kulminieren nicht in Koloraturartistik, sondern in der Forderung, in drei Zeilen Text Ironie, Entrüstung und Wut glaubhaft zu machen. Mit „Ermione“ war Rossini seiner Zeit weit voraus. Vor Wagners Kundry ist sie wohl die oszilierendste Operngestalt des 19. Jahrhunderts.

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