Nordische Klänge beim Bodenseefestival

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Das Bodenseefestival 2016 hat begonnen: Michael Schønwandt dirigierte in Friedrichshafen das SWR Sinfonieorchester. Der Solist
Das Bodenseefestival 2016 hat begonnen: Michael Schønwandt dirigierte in Friedrichshafen das SWR Sinfonieorchester. Der Solist in Haydns Trompetenkonzert war Ole Edvard Antonsen. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Werner M. Grimmel

„Nordlichter“ lautet das Motto des 28. Bodenseefestivals. Schweden, Dänemark, Norwegen, Island und Finnland sind die Gastländer. Bis zum 16. Mai gibt es 80Veranstaltungen. Die junge norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth übernimmt als musikalische Botschafterin ihrer Heimat in dieser Festivalsaison die Rolle des „Artist in Residence“. Leider musste die Künstlerin ihre Teilnahme beim gut besuchten Auftaktkonzert in Friedrichshafen aus gesundheitlichen Gründen absagen. Das war doppelt schade, weil so auch das angekündigte, 2013 eigens für sie geschriebene Trompetenkonzert des dänischen Komponisten Bent Sørensen (Jahrgang 1958) entfiel.

Vertreten wurde Helseth durch ihren Landsmann Ole Edvard Antonsen, der sich als Startrompeter und Cross-over-Musiker weltweit einen Namen gemacht hat. Vor der Pause spielte er den Solopart von Joseph Haydns bekanntem Trompetenkonzert Es-Dur. Die rahmenden Allegro-Sätze und vor allem die von Krzysztof Penderecki stammenden Kadenzen gaben ihm Gelegenheit, technische Brillanz zu demonstrieren. Dem langsamen Mittelsatz verlieh er mit warmem Ton und kantablem Spiel beseelten Ausdruck.

Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg nahm hier zum letzten Mal seine angestammte Funktion als Eröffnungsensemble des Bodenseefestivals wahr. Die beschlossene Fusion mit dem Radiosinfonieorchester Stuttgart soll für die kommende Saison nach der Sommerpause vollzogen werden. Schon vor einer Woche hat sich der traditionsreiche Klangkörper nach 70-jähriger Erfolgsgeschichte im Festspielhaus Baden-Baden mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts von seinem dortigen Publikum verabschiedet.

Auf dem Programm des Friedrichshafener Konzerts standen hauptsächlich Werke „nordischer“ Komponisten. Unter der Leitung von Michael Schønwandt erklang zunächst die sechste Sinfonie von Carl Nielsen, einem Altersgenossen von Jean Sibelius. Die 150. Geburtstage beider Komponisten sind im vergangenen Jahr nicht nur in ihren Heimatländern Dänemark und Finnland gefeiert worden. So passte es nachträglich zu diesem Doppeljubiläum ebenso wie zum Festivalmotto, dass nach der Pause die Dritte von Sibelius folgte.

Mit musikantischem Schwung

Nielsen hat seine „Sinfonia semplice“ („Einfache Sinfonie“) 1925 als seinen letzten Beitrag zu dieser Gattung komponiert. Der Titel weist auf Abkehr von spätromantischer und expressionistischer Emphase. Nielsens ganz persönliche Adaption neoklassizistischer und moderner Ansätze ist freilich alles andere als einfach zu gestalten. Sarkasmus und Ironie verbinden sich hier mit spielerischer Leichtigkeit und Hintersinn. Hinter tänzerischen Gesten lauern Grimassen und Brechungen.

Das Konzept dieses eigenwilligen Abgesangs auf die Sinfonik teilt sich nur mit, wenn es wie am Schnürchen abgespult wird. Alle Instrumente haben heikle individuelle Aufgaben zu bewältigen, doch nichts soll schwierig klingen. Der namhafte Nielsen-Experte Schønwandt vermittelte seine klare Klangvorstellung mit subtiler Zeichengebung und musikantischem Schwung, konnte aber nicht verhindern, dass sich der Eindruck mangelnder Proben aufdrängte und der große Bogen dieser originellen Musik etwas zerfiel.

Um so kompakter gelang dem dänischen Dirigenten die Interpretation der dritten Sinfonie C-Dur von Sibelius. Erfolgreich bemühte er sich hier um Deutlichkeit der Darstellung und untergründigen Fluss des Geschehens. Dynamisch differenziert nahmen Motive Konturen an. Rhythmische Energien setzten sich durch im anschwellenden Klangstrom. Sehr getragen nahm Schønwandt den metrisch verzahnten Mittelsatz, hielt ihn aber stets in Bewegung. Fulminant folgte das choralartige Finale mit seinen mystisch tiefen Klangnebeln und bittersüßen Dissonanzen.

Die Eröffnungsfeier vor dem Konzert wurde musikalisch feinsinnig umrahmt von den norwegischen Lautenisten Rolf Lislevand und Thomas C. Boysen. Den anregenden Festvortrag über spezifisch „nordische“, sozialdemokratisch eingefärbte Konzepte von Romantik in Musik, Bildender Kunst und Architektur hielt der bekannte norwegische Publizist Rune Slagstad. Die interessante Ausstellung „Our Arctic Future“ („Unsere arktische Zukunft“) im Foyer des Graf-Zeppelin-Hauses ist noch bis zum Ende des Festivals zu sehen.

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