Nina Hoss als beste Schauspielerin in San Sebastian ausgezeichnet

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Nina Hoss spielt in „Das Vorspiel“ Anna Bronsky, eine Lehrerin am Konservatorium, die dort ein strenges Regiment führt.
Nina Hoss spielt in „Das Vorspiel“ Anna Bronsky, eine Lehrerin am Konservatorium, die dort ein strenges Regiment führt. (Foto: Judith Kaufmann/dpa)
Rüdiger Suchsland

Der brasilianische Film „Pacificado“ von Paxton Winters hat beim Filmfestival von San Sebastián den Hauptpreis die „Goldene Muschel“ und zwei weitere Auszeichnungen gewonnen. Der auf semi-dokumentarische Weise in den Slums von Rio de Janeiro gedrehte Film erzählt von dem 13-jährigen Mädchen Tati und ihrem Vater. Die beiden kämpfen gegen die Räumung der Slums. Ein großer Erfolg war das Festival für die Deutsche Nina Hoss. Sie wurde für ihre Rolle in Ina Weisses „Das Vorspiel“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Den Preis teilt sie sich mit der Spanierin Greta Fernández für deren Darstellung in „La hija de un ladrón“ („Die Tochter eines Diebes“).

San Sebastián ist das viertwichtigste der großen europäischen Filmfestivals, und als solches eine prachtvolle Bühne des Autorenkinos und seiner neuesten Tendenzen: In diesem Jahr begegnete dem Zuschauer immer wieder das Thema Schuld und Sühne, viele Filme loteten aus, wo Sicherheit existenziell nötig ist – und wo sie zur Belastung werden kann.

Der deutsche Beitrag von Ina Weisse, „Das Vorspiel“, beginnt – obwohl der Titel natürlich viel mehr meint – mit einem Vorspiel im engeren Sinn: In einer Musikhochschule kämpfen junge Nachwuchsmusiker um ihre Aufnahme. Anna (Nina Hoss) ist Lehrerin am Konservatorium und selbst herausragende Musikerin. Sie führt ein subtiles Regiment bei ihren Schülern. Dass es dabei auch um Selbstdisziplinierung geht, wird schnell klar. Denn Annas Leben ist eine Baustelle: Ihre Ehe ist glücklich, trotzdem hat sie eine Affäre; ihre eigene Musikkarriere liegt brach, denn auf der Bühne mutiert Anna zum Nervenwrack. Zu ihrem Sohn Jonas, der Geige spielen soll, ist sie strenger und härter als zu jedem Schüler.

Spitzen gegen spießige Neurosen

Nina Hoss spielt diese Frau souverän und ungleich expressiver, als man es aus früheren Rollen – vor allem in den sechs Filmen Christian Petzolds – kennt: Auch wo alles zurückgenommen ist, lodert das Feuer. Regisseurin Ina Weisse nimmt in ihrem zweiten Spielfilm die bürgerlichen Verhältnisse nicht nur von Berlin-Mitte mit geschulter Beobachtungsgabe und subtilem Humor ins Visier. Von feinem Witz sind etwa die familiären Essensszenen, wo die Obsession für die richtige Diät die Neurosen einer Gesellschaft sichtbar werden lässt.

„Das Vorspiel“ ist ein im besten Sinne altmodischer Film: Klassische Musik, die mit sensibler Bildsprache von Judith Kaufmann eingefangenen unterdrückten Gefühle und das Böse unter der Maske bürgerlicher Disziplin lassen an „Das Weiße Band“ und andere Haneke-Filme denken. Autoritäre Traditionen ziehen sich durch drei Generationen und ändern dabei nur ihre Gestalt. Heute ist es die neue Sensibilität, die sich in Jonas zeigt. Er sorgt sich um Tiere, isst kein Fleisch – aber zu anderen Kindern ist er brutal.

Dieser facettenreiche, herausragenden Films bietet keine Lösungen. Er beharrt darauf, dass das Leben und die Kunst eben kompliziert sind, dass zu beidem Disziplin und Risiko gehören, auch die Angst zu versagen. Wenn es eine Botschaft gibt, dann lautet sie: weg von der Sicherheit.

Um das Ende der Sicherheit kreist auch der neue Film von Alejandro Amenabar („Das Meer in mir“): „Mientras dure la guerra“ („Solange Krieg ist“) rekonstruiert eine wahre Episode aus den Anfangswochen des Spanischen Bürgerkriegs 1936. Der seinerzeit weltberühmte Philosoph und Schriftsteller Miguel de Unamuno hatte den Putsch gegen die Republik zunächst begrüßt. Doch spätestens als seine Kollegen ohne Prozess erschossen werden, macht er sich über den faschistischen Charakter von Francos Falange keine Illusionen mehr.

Im Unterschied zu anderen aber wagte Unamuno den Widerstand: In öffentlichen Reden klagte er Francos Junta an, verspottete die Absurdität des Propagandamottos „Viva la Muerte!“ („Es lebe der Tod!“) und belegte so mutig, was Zivilcourage bedeutet. Amenabars gediegen erzählte Geschichte über den zeitlosen Konflikt zwischen Geist und Macht und die Selbstbehauptung eines Intellektuellen ist in Zeiten rechter Hassprediger in vielen Ländern hochaktuell.

Eine dritte Facette dieses Themas zeigt der kasachische Film „A Dark Dark Man“ (Regie: Adilkhan Yershanov). Alles beginnt wie eine Komödie von Tati. Doch der schwarze Humor enthüllt bald den bitteren Ernst aus dem er entspringt, und der Film wird zum harten Film Noir mit gelegentlichen absurden Ausflügen: Denn in der Welt der Mafiabanden und korrupten Politiker gibt es Sicherheit nur als vollkommene Unterordnung unter die Despoten. Aber irgendwann ist die Furcht nicht mehr groß genug um die Scham der Erniedrigung und Würdelosigkeit auszugleichen. So ist es hier ein Machtloser, der sich verweigert. Ruhige, epische Bilder münden in ein vorhersehbares Blutbad. Moral: Ohne Opfer wird es nicht gehen.

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