Nightwish: Interview mit Frontfrau Floor Jansen

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„Sexismus gibt es überall. In der Metalszene ist die Balance aber ziemlich gut“, sagt Nightwish-Sängerin Floor Jansen.
„Sexismus gibt es überall. In der Metalszene ist die Balance aber ziemlich gut“, sagt Nightwish-Sängerin Floor Jansen. (Foto: Tim Tronckoe)
Schwäbische Zeitung

Mit einem bombastischen Mix aus harten Gitarren und orchestralen sowie folkloristischen Elementen haben sich Nightwish in den vergangenen Jahren zu einer der bedeutendsten Gruppen der Metal-Szene entwickelt. Mit „Decades“ blickt die finnische Band, die weltweit über acht Millionen Platten verkauft hat, auf die Jahre seit der Gründung 1996 zurück. Während das Album die Songs in den Originalversionen zeigt, werden die Fans live erneut erleben, wie mühelos sich die seit 2013 offiziell zur Band gehörende Sängerin Floor Jansen die Stücke zu eigen macht, die ursprünglich von Ur-Vokalistin Tarja Turunen und ihrer Nachfolgerin Annette Olzon eingesungen wurden. Daniel Drescher hat mit Floor Jansen über die Rückkehr nach Wacken, die anstehende Welttournee und ihr neues Soloprojekt gesprochen.

Floor, was macht euer neues Werk „Decades“ aus?

Wir veröffentlichen mit „Decades“ ein Album, das unsere Geschichte umfasst und auf 20 Jahre Bandgeschichte zurückblickt. Wir haben viele Fans, die uns seit Anbeginn die Treue halten. Für sie wird es interessant, die Musik auch der Anfangstage nun von dieser Besetzung zu hören. Es gibt neue Instrumente wie die Uillean Pipes (irischer Dudelsack – Anm. d. Red), die Troy Donockley spielt. Zudem singt Troy auch neben unserem Bassisten und Sänger Marco Hietala und mir. So bekommen alte Songs einen neuen Charakter.

Du bist die dritte Frau am Mikrofon bei Nightwish. Es war eine bewusste Entscheidung, die Stücke auf „Decades“ nicht neu einzuspielen, oder?

Exakt, Geschichte kann man nicht einfach neu schreiben. Die Veränderungen im Sound und in der Besetzung, diese Geschichte wollen wir erzählen. Und wer wissen will, wie ein Song aus der Zeit vor mir mit meiner Stimme klingt, der muss uns dieses Jahr live sehen.

Ihr werdet dieses Jahr erneut beim Wacken Open Air auftreten. 2013 haben Nightwish dort eine umjubelte Show gespielt. Wie hast Du diesen Auftritt damals erlebt?

Es war ein sehr aufregender Abend, denn das war die bis dahin größte Show meines Lebens. Es war eine große Ehre, als Headliner beim Wacken aufzutreten. Ich bin zwar auch schon vorher dort, aber mit meiner damaligen Band After Forever eben nicht auf dieser Position. Wenn du weißt, dass du vor 80 000 Menschen spielen wirst und das Ganze für eine DVD-Produktion gefilmt wird, das ist super spannend. Aber es war auch großartig zu erleben, wie all diese Gedanken dann schlagartig verschwunden sind, als wir die Bühne betraten. Die Aufregung verwandelte sich in „Ich tu das jetzt“. Ich habe es wirklich genossen.

Mit was für Gefühlen kehrt ihr nach Wacken zurück?

Ich freue mich riesig. Es wird eine besondere Show. Wir werden Stücke spielen, die wir noch nicht beim Wacken und in dieser Besetzung auch sonst noch nie gespielt haben.

Ihr werdet dieses Jahr in den USA und Europa auf Tour sein. Dein Bandkollege Marco hat den Tourbus mal als eigenes Universum bezeichnet. Wie kommst du in diesem Universum zurecht?

Es ist ein anderes Reisen als wenn du in den Urlaub fährst. Du musst für die Shows in Topform bleiben, was unter Umständen gar nicht so einfach ist. Du bist jeden Tag woanders, und besonders in Nordamerika kann man innerhalb von wenigen Wochen quasi die vier Jahreszeiten erleben. Es ist eine Herausforderung für den Körper – aber genau darauf, dass dieser fit ist, bist du angewiesen. Was Marco damit allerdings meint, ist dieser Mikrokosmos, den man im Tourbus erschafft. Speziell beim Nightliner ist es ja so, als ob man für eine Weile zusammenzieht. Man teilt sich ein paar Quadratmeter, man schläft nebeneinander, man benutzt dieselbe Dusche, dieselbe Toilette, denselben Kühlschrank ... alles. Das muss funktionieren. Es ist immer ein seltsames Gefühl, wenn man dann nach der Tour wieder nach Hause kommt – zu seiner „anderen“ Familie sozusagen.

Du bist jetzt seit fast einem Jahr Mutter. Wie gehst du damit um, während der Touren von deiner Familie getrennt zu sein?

Bisher waren Hannes (Van Dahl, Ehemann von Floor Jansen und Schlagzeuger der schwedischen Metal-Band Sabaton – Anm. d. Red.) und ich immer viel mit unseren Bands auf Tour. Das ist normal für uns. Seit wir Eltern sind, hat sich das etwas geändert. Aber wir haben eine Lösung gefunden, und wir sind ja auch nicht die ersten Musiker, die touren und Kinder großziehen.

Musst du als Sängerin auf Tour besondere Maßnahmen treffen, damit deine Stimme für jeden Auftritt einsatzbereit ist?

Ich muss meinen ganzen Körper fit halten. Das bedeutet, die Stimme nicht zu überfordern, gesund zu essen und regelmäßig zu trainieren. Wenn ich das tue, ist die Stimme auch in Ordnung. Wenn ich zu wenig Schlaf bekomme, gehen die Abwehrkräfte zurück. Und Essen gibt es überall, aber gutes Essen zu finden – das ist nicht immer einfach. Und ich gehe nie auf die Bühne, ohne mich vorher aufzuwärmen. Mein ganzer Körper muss einfach in den Sing-Modus kommen.

Wie verbringt ihr die Zeit auf Tour? Mit Filmen oder Büchern, oder gibt es auch mal touristisches Sightseeing?

Sightseeing nicht so sehr. Man muss mit seiner Energie haushalten. Wenn du eine zweistündige Show spielst, fließt da deine ganze Kraft hinein. Also kannst du vorher alles tun, was dir Kraft gibt. Ein Workout funktioniert für mich, es ist zwar körperlich anstrengend, aber spendet auch Energie. Ich hab im Tourbus viel Sprachen gelernt, erst Finnisch und dann Schwedisch. Das hat mich beschäftigt und mein Hirn gefordert. Und dann spielen wir auch gern Würfelpoker.

2020 soll das nächste Nightwish-Album erscheinen. Kannst du schon mehr verraten?

Nein, ich hab die Stücke bisher noch nicht einmal gehört. Wir konzentrieren uns jetzt zuerst auf „Decades“ und die Tour dazu. Aber es ist gut zu wissen, dass Tuomas (Holopainen, Bandgründer, Kreativkopf und Keyboarder der Band – Anm. d. Red.) schon kreativ war und der Anfang bereits gemacht ist. Wir werden nach diesem Jahr und einer kleinen Pause dann daran arbeiten.

Du wirst dieses Jahr das Debütalbum deines Nebenprojekts Northward veröffentlichen. Es wird anders klingen als Nightwish, oder?

Das wird sehr hardrocklastig, es gibt keine Orchesterklänge wie bei Nightwish. Die Songs sind schon vor zehn Jahren entstanden und von Bands wie Led Zeppelin und den Foo Fighters beeinflusst. Es war sehr cool, mal etwas anderes zu machen.

Du hast im dich im britischen „Metal Hammer“ zum Thema Sexismus geäußert. Durch die #Metoo-Debatte hat das Thema große gesellschaftliche Relevanz bekommen. Was kannst du zum Zustand der Metalszene in punkto Sexismus sagen?

Die Metalszene, die immer noch sehr männlich dominiert ist, hat sich etwas mehr an Frauen auf der Bühne gewöhnt. Am Anfang war das etwas Neues. Es ist normal, dass Männer sich zu Frauen hingezogen fühlen und umgekehrt genauso. Aber wenn Männer zu „Raubtieren“ werden, ist das natürlich ein Problem. Sexismus gibt es überall. In der Metalszene ist die Balance aber ziemlich gut. Es gibt immer schwarze Schafe, ich kann nicht sagen, dass in dieser Szene nichts derartiges passiert, das wäre Quatsch. Aber mir selbst ist nichts passiert, was nicht okay wäre. Ich bin eine Frau, die sagt, was sie will. Es ist wichtig, dass Frauen hinstehen und sich wehren. Und ich bin froh, dass #Metoo mehr Frauen Mut macht, diese Dinge beim Namen zu nennen. Es ist der Anfang einer offeneren Diskussion und wird hoffentlich zu einer besseren Balance führen.

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