New Yorker Gangs raufen unter der Europafahne

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 Liebe inmitten des Bandenkriegs: Maria (Maria Rosendorfsky) und Tony (Nikolas Heiber) kosten die lyrischen Momente aus.
(Foto: Jochen Klenk)
Schwäbische Zeitung

Heftig und laut geht es zu bei dieser „West Side Story“. Schon bevor die über 50 Darsteller in der Inszenierung des Australiers Rhys Martin loslegen, knattern auf der Spielfläche in der Wilhelmsburg Harleys, ohrenbetäubender Hubschrauberlärm kommt irgendwoher. Auch hinter ruhigeren Sprechszenen wummert es bedrohlich. Bernsteins Musik erklingt aus den Lautsprechern einer PA: Das Philharmonische Orchester spielt hinter dicken Mauern und wird übertragen, der Dirigent Hendrik Haas gibt Sängern und Chor die Einsätze über Monitor. Ein Riesenaufwand von Technik und Spielern, doch es funktioniert!

Die tragische Liebesgeschichte von Tony und Maria im Konflikt der New Yorker Straßengangs Jets und Sharks wird aufgepeppt: Die Jets als Platzhirsche in paramilitärischem Schwarz nennen die hippiehaft bunten Sharks „Kanaken“ (Kostüme: Ulrike Nägele). Diese wiederum schleusen illegale muslimische Flüchtlinge ins Land. Welches Land? Über der Szenerie mit drei Autowracks, einem Rotkreuzzelt vor Graffitis und Gerüsten mit Spielflächen flattern nicht nur das Sternenbanner, sondern auch eine blaue, besternte Europafahne (Bühne: Britta Lammers). Die West Side ist scheinbar überall …

Aufgeraut, besser gesagt: zu ordinärem Gassenjargon verschärft ist auch die Sprache. Etwa von Polizist Kupke (J. Emanuel Pichler), der auf einem Segway daher rollt. Aber auch die von „Doc“ Renate Steinle, die nur zum Kommandieren aus ihrem Rotkreuzzelt kommt. Kommissar Schrank (Girard Rhoden) treibt das alles auf die Spitze und gefällt sich in faschistoiden Posen. Kein Wunder, da es aus dem Kreis der Jets tönt: „Mein Alter sagt, dass die Kanaken schuld sind und uns die Arbeitsplätze wegnehmen.“

Nun ja, das ist alles etwas vordergründig, zu schrill und zu sehr um Effekte bemüht. Doch das ursprünglich nun ja tatsächlich brisant gesellschaftskritische Musical mit dem Buch von Arthur Laurents und den Songtexten von Steven Sondheim hält dies aus. Und die großartige Musik Bernsteins trägt alles wie auf einem riesigen farbigen Teppich. Schade, dass die Streichsätze etwas gepresst aus den Lautsprechern klingen, doch die Bigband-Parts kommen fetzig, getoppt vom Schlagzeug, etwa bei einem grandiosen Mambo. Und in solchen Momenten zeigen die Jets und die Sharks, dass ihnen das Tanzen in den Choreografien von Rhys Martin auch Spaß macht. Den Grund verraten die Shark-Girls singend: „I like to be in America“.

Am Ende stirbt der Held

Die Reihe der Hits beginnt Nikolas Heiber mit seiner „Maria!“-Hymne, bald steht er bei „Tonight“ erstmals Auge in Auge mit Maria: Maria Rosendorfsky , die mit leuchtendem Sopran den Gegenpart zum Tenor des am Ende sterbenden Helden liefert. Dank drahtlosem Mikrofon können beide auch die innig lyrischen Momente auskosten, besonders in dem anrührenden „Somewhere“. Etwas tiefer timbriert singen Stefan Rüh als Jets-Anführer Riff und Dalma Viczina als Shark-Mädchen Anita. Positiv fallen auch Christopher Brose und Maximilian Widman als Bernardo und Chino von den Sharks auf.

Das Publikum auf der vollen Tribüne folgte der Aufführung gespannt, ging mit und spendete am Ende gegen Mitternacht heftigen, wenn auch recht kurzen Beifall.

Die nächsten Aufführungen:

14., 16., 17., 20., 22., 25. Juni. Karten gibt es im Netz unter

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