Neues Buch zur Glasmalerei

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Das Johannes-Brenz-Fenster in der Evangelischen Stadtkirche von Ravensburg von 1861/62 vor der Restaurierung. Mittlerweile ist e
Das Johannes-Brenz-Fenster in der Evangelischen Stadtkirche von Ravensburg von 1861/62 vor der Restaurierung. Mittlerweile ist es mustergültig gerichtet, aber noch nicht wieder eingepasst. (Foto: Iris Geiger-Messner)
Rolf Waldvogel
Redakteur

Die Reformatorenfenster in der Evangelischen Stadtkirche von Ravensburg gelten unter Experten schon seit Langem als ein deutschlandweit einzigartiges Zeugnis der Neugotik. Ein umfangreiches Denkmalschutz-Projekt plus Doku-Band rückt sie nun verdientermaßen ins Rampenlicht – und damit auch die Glaskunst des 19. Jahrhunderts, der vielerorts übel mitgespielt wurde. „Arbeitsheft 37“ – das hört sich aufs erste sehr nüchtern an. Aber dann liest man sich in dieser großzügig bebilderten Bestandsaufnahme des außergewöhnlichen Unternehmens fest. Erzählt sie doch durchaus spannend von einer der nachhaltigsten Ehrenrettungen der letzten Jahre für jenen verpönten Stil.

Zur Vorgeschichte: 1860/1862 schuf die heute sehr hoch eingeschätzte Werkstatt von Ludwig Mittermaier aus Lauingen an der Donau eine neugotische Verglasung für die Evangelische Stadtkirche von Ravensburg, ein ehemaliges Gotteshaus der Karmeliter aus dem 14. Jahrhundert. Die drei Chorfenster zeigten die Auferstehung Jesu, das Emporenfenster war König David mit Harfe gewidmet, und die sieben Fenster im Seitenschiff würdigten bedeutende Vertreter der Reformation: die Theologen Martin Luther, Philipp Melanchthon, Ulrich Zwingli und Johannes Brenz sowie die weltlichen Herrscher Kurfürst Friedrich der Weise, Herzog Christoph von Württemberg, König Gustav Adolf von Schweden.

Bei einer Generalsanierung der Kirche um 1965 wurde die damals als altmodisch geschmähte Mittermaier-Verglasung ausgebaut – bis auf die Reformatorenfenster. Ausgerechnet der auch international gefeierte Glaskünstler Hans Gottfried von Stockhausen, den die Kirchenleitung für die neue Ausstattung geholt hatte, befürwortete – trotz der Schmälerung seines Auftrags! – vehement den Erhalt des Reformationszyklus als Beispiel für exquisite Qualität. So blieb dieser Schatz an Ort und Stelle. Die anderen Fenster aber wurden in Kisten verpackt, im Keller gelagert – und vergessen, bis jetzt erneut eine Kirchensanierung anstand.

Im Rahmen eines zweijährigen interdisziplinären Projekts, gefördert vom Bundesministerium für Kultur und vom Land Baden-Württemberg, hat man den Inhalt dieser Kisten genau gesichtet und gesichert. Vor allem aber wurde die notwendige Restaurierung der Reformatorenfenster angestoßen – aufs Eindrucksvollste bereits vollzogen am Johannes-Brenz-Fenster.

Die Initialzündung für das Projekt – flankiert von einer Ausstellung und einem Kolloquium – gab das Reformationsjubiläum von 2017, und deshalb flossen erkleckliche Mittel. Aber spürbar wird hier auch ein Umdenken, was die Neugotik betrifft. Ludwig Mittermaier, obwohl Autodidakt, gilt heute als ein herausragender Vertreter jenes Stils. Seine Vita ist außergewöhnlich: Geboren 1827, verlor er mit zehn Jahren durch einen Unfall sein Gehör, ging kurz an eine Kunstschule, musste dann aber die väterliche Malerwerkstatt übernehmen und arbeitete nebenher als Schriftsteller – bis er sich dann von 1851 an bis zu seinem frühen Tod 1864 auf die Glasmalerei konzentrierte und eine renommierte Werkstatt aufbaute.

Wie sehr die Firma florierte, lässt sich gerade im Verbreitungsgebiet der „Schwäbischen Zeitung“ belegen. Erhalten haben sich seine Fenster in eher kleineren Orten wie Abtsgmünd, Boms, Neresheim-Ohmenheim, Leutkirch-Engerazhofen, Tettnang-Hiltensweiler und Wilhelmsdorf-Pfrungen – und eben in Ravensburg. Hierzulande wird jedoch auch der empfindliche Schwund deutlich, wobei die Liste mit über 20 betroffenen Kirchen viel länger ist: von Aulendorf über Bad Saulgau, Ellwangen, Leutkirch, Sigmaringen und Tettnang bis Wangen. In all diesen Gotteshäusern wurden die Fenster zwischen 1930 und 1975 ausgebaut, weggeräumt, vergessen, verschleudert, zum Teil rücksichtslos zerstört.

Nun sind auch Kirchen modischen Einflüssen unterworfen. So setzte nach den Befreiungskriegen, nach Barock und Klassizismus, um 1830 die große romantische Rückbesinnung auf den Baustil des Spätmittelalters ein, den man damals als typisch christlich empfand und – fälschlicherweise – auch als typisch deutsch. Natürlich orientierten sich die Künstler am verehrten Vorbild der Spätgotik um 1500. Aber diese Hervorbringungen des Historismus nur als seelenloses Kopistenwerk abzuqualifizieren, wird den zum Teil großartigen Bildhauern, Malern und Glaskünstlern nicht gerecht. Dass das 20. Jahrhundert mit diesem als süßlich-sentimental verschrienen Stil dann gründlich brach, war ihr Pech. Allerdings steht auch zweifelsfrei fest: Nicht zuletzt das über Jahrzehnte hinweg dezidiert artikulierte Desinteresse der Denkmalschutzbehörden ermutigte die Kirchengemeinden zur gedankenlosen Preisgabe ihrer Ausstattungen.

So kann man das recht opulente „Arbeitsheft“ mit seinen auch für Laien nachvollziehbaren Texten von Restauratoren, Historikern, Kunsthistorikern, Theologen und Naturwissenschaftlern sehr wohl als eine Art Wiedergutmachung sehen. Einiges sei hier kurz angerissen: Wie unterschiedlich das Luther-Gedenken von 1800 bis 1918 auf nationaler Ebene ablief, schildert Grit Koltermann vom Landesdenkmalamt, und auf Landesebene heruntergebrochen wird dieser Ansatz in einem Beitrag von Jörg Widmaier aus derselben Behörde. Der frühere Ravensburger Stadtarchivar Andreas Schmauder skizziert die spezielle Geschichte der Reformation in Ravensburg. Eine Einordnung der Reformatorenfenster in die Stadthistorie leistet wieder Jörg Widmaier. Dabei stellt er heraus, welchen Beitrag die Fenster zum protestantischen Selbstverständnis in einer Kommune bedeuteten, deren katholischer Bevölkerungsanteil nach dem Ende der Reichsstadtzeit 1803 durch den Zuzug aus dem Umland immer größer und einflussreicher wurde.

Unterlagen zur Planung der sieben Fenster sind nicht erhalten. Umso interessanter liest sich die profunde Deutung ihres Programms aus theologischer Sicht, die der Ravensburger Dekan Friedrich Langsam beisteuert. Sehr wichtig dabei: der Hinweis auf die Verzahnung von oberdeutsch-reichsstädtischer und württembergischer Reformationsge-schichte. Zahlreiche Texte bieten Einblicke in die äußerst diffizile Restaurierungsarbeit. Elgin Vaasen umreißt die Vita Ludwig Mittermaiers. Und der Freiburger Experte Daniel Parello sorgt schließlich für die Einbettung des Projekts in die Glaskunst des 19. Jahrhunderts im Südwesten.

Der Band schließt mit einem Zitat Ludwig Mittermaiers von 1858: „Nur wer erkennt den Geist der Alten, kann auch das Neue recht gestalten.“ Mit seinen Fenstern hat er dies vorgelebt.

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