Neues Buch von „Schlafwandler“-Autor Christopher Clark

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 Bei der Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise im Mai 1913 trafen sich Europas Herrscher zum letzten Mal in Frieden. Die Auf
Bei der Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise im Mai 1913 trafen sich Europas Herrscher zum letzten Mal in Frieden. Die Aufnahme zeigt (vorne rechts) Kaiser Wilhelm II. mit seinem Vetter, dem englischen König Georg V., in der Kutsche. Ein Jahr später begann der Erste Weltkrieg. (Foto: Walter Gircke/picture alliance)
Reinhold Mann

Was ist ein Schlafwandler? Woody Allen spielt in einem seiner Filme einen Schlafwandler: „Im Bann des Jade-Skorpions“ von 2001 gibt er einen Versicherungsagenten, der nachts Tresore in Villen knackt, die er tagsüber gesichert hat. Er tut das nicht mit Vorsatz. Er erhält Anrufe eines Magiers und sofort ändern sich Stimmlage, Sprachebene, Haltung, ja die ganze Person. So lässt Woody Allen Urma Thurman, die schon in seinem Bett lümmelt, zurück, sagt ihr, sie habe „prachtvolle Hinterbacken“ und zieht von dannen. Wenn man also zum Ausdruck bringen möchte, dass jemand oder gar eine internationale Elite intrigant, berechnend und dabei auch noch kurzsichtig einen Krieg verursacht hat, dann ist das Bild von Schlafwandlern, die bei Vollmond mit ausgestreckten Händen über Hausdächer geistern, alles andere als nahe liegend.

Unter dem Titel „Die Schlafwandler“ hat der Historiker Christopher Clark 2014 ein Buch darüber geschrieben, „wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Es wurde ein Bestseller, nicht nur in Deutschland und in England, auch in den USA. Nun hat Clark die Corona-Krise für eine Aufsatz-Sammlung genutzt, in der er Politiker und Historiker als „Gefangene der Zeit“ beschreibt, „von Nebukadnezar bis Donald Trump“: Etwa über Bismarck, an den ihn Dominic Cummings erinnert, jener Berater, den Boris Johnson gerade entlassen hat. Oder über Preußen. Und natürlich über Hitler. In einem Beitrag kommt Clark selber vor. Er schreibt über die Reaktionen auf seine „Schlafwandler“.

Dieses Buch war anderen vielgekauften Büchern zum Ersten Weltkrieg, die, wie Herfried Münklers „Der grosse Krieg“, ebenfalls 2014 erschienen sind, methodisch voraus. Auch Münkler versprach den Blick auf „die Welt“ vor 100 Jahren, aber servierte die deutsche Sicht: Westfront, Ostfront, und eine hingebungsvolle Aufzählung der Wendemanöver bei der Seeschlacht im Skagerrak. Angesichts von Schulstreik und Klimawandel ist heute die globale Vernetzung in aller Munde. Und doch lesen wir den Ersten Weltkrieg, den Höhepunkt des Imperialismus, der ersten Globalisierung, immer noch wie ein hausbackenes Ereignis. Clarks Leistung besteht darin, genau dies nicht zu tun. Er hat, dank reicher Fremdsprachenkenntnisse, den Kriegsbeginn aus den unterschiedlichen Perspektiven vieler Beteiligter nachgezeichnet.

Dabei suchte er nicht den rauchenden Colt. Er verteilt die Verantwortung für den Krieg differenziert und breit. Und dabei traf er auf das Phänomen, dass Methoden von Historikern das eine sind, das Geschichtsbild, das Nationen polieren, etwas ganz anderes. Dem geht Clark nun im neuen Band nach.

Clark stammt aus Australien. Dass dessen Soldaten als Mitglieder des Empires von den Briten im Ersten Weltkrieg in einer Mischung von Arroganz und Inkompetenz verheizt wurden, bringt er erst gar nicht zur Sprache. Aber dass er in seinem „Schlafwandler“-Buch mit der Selbstgefälligkeit der Briten, sich auch noch nach 100 Jahren als fidele, uneigennützige Freiheitskämpfer aufzuspielen, abrechnen möchte, macht Clark dann doch recht deutlich.

Der Beitrag: „Von Nationalisten, Revisionisten und Schlafwandlern“ beschreibt die gegenläufigen Reaktionen, die sein Buch in England und in Deutschland erfahren hat. Diese Gegenüberstellung schärft den Text, blendet aber leider weitere interessante Reaktionen aus, die Clark erfahren hat. Etwa in Sarajewo, wo er die Garde der alten kommunistischen Historiker damit konfrontierte, dass auch Serbien, das sich in einer notorischen Unschuldsrolle eingerichtet hat, nicht schuldlos gewesen sei.

In England machten die Brexitiers, allen voran Boris Johnson, damals noch Bürgermeister in London, Stimmung gegen Clark und warfen ihm vor, Selbstachtung und Ehre der Nation mit Füßen zu treten. In Deutschland war die Reaktion auf die „Schlafwandler“ umgekehrt: Hier wurde ihm vorgehalten, die nationale Schuld am Kriegsausbruch nicht laut genug zu betonen.

In Clarks Rückblick spielt dabei der Historiker Heinrich August Winkler eine unangenehme Rolle. Er sprach in seinem Beitrag für „Die Zeit“ von einem „Clark-Effekt“, der wie ein Gespenst durch Europa gehe, um die deutsche Führung von 1914 von ihrer Kriegsschuld freizusprechen. Dabei sieht er in Clark keinen Einzelfall, sondern gesellte ihm eine Schar jüngerer Historiker bei, die Revisionismus als konzertierte Aktion betreibe. Die These war publizistisch prickelnd, aber als wissenschaftlicher Vorwurf absurd, denn sie lief daraus hinaus, dass Winkler einen 60 Jahre alten Forschungsstand als Glaubensbekenntnis an die Tür nageln musste. Differenzierungen und Erkenntnisse, die das halbe Jahrhundert danach angesammelt hatte, erschienen so als Teufelszeug.

Clark verteidigt sich im neuen Buch. Er wehrt sich gegen Winkler, der eine „bewusste Fehlinterpretation“ seines Bildes der politischen Eliten Europas als Schlafwandler vorgenommen habe. „Ich habe sie nicht deshalb Schlafwandler genannt, weil ich meinte, sie hätten tatsächlich geschlafen oder wären bewusstlos gewesen, sondern weil ich – eigentlich erstaunlich, dass ich das erklären muss – über die Begrenztheit ihres Blicks verblüfft war.“ Nun ja, kann man da nur sagen: Wenn Clark als versierter Erzähler das zum Ausdruck bringen wollte, dann führt doch das Bild von Schlafwandlern mit schlafwandlerischer Sicherheit in die Irre. Da hätte er, mit Verbeugung vor Dostojewski, besser den Titel „Die Idioten“ gewählt.

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