Neuerscheinung: „Aufklärung in Oberschwaben“

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Januarius Zick hat aus Paris die Ideen der Aufklärung mitgebracht. Sein Deckengemälde in der Katholischen Pfarrkirche St. Gallus
Januarius Zick hat aus Paris die Ideen der Aufklärung mitgebracht. Sein Deckengemälde in der Katholischen Pfarrkirche St. Gallus in Zell von 1780/81 zeigt das Pfingstwunder: Maria und die Apostel empfangen den Geist Gottes durch Feuerzungen. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung

Das Zeitalter der Aufklärung wird gemeinhin eher nicht mit Oberschwaben in Verbindung gebracht. Das Verdikt der preußisch-protestantischen Publizistik vom rückständigen Schwaben wirkt bis heute nach. 2012 hat es zum Thema Aufklärung in Oberschwaben eine hochkarätig besetzte Tagung in Ravensburg gegeben. Nun liegen die Aufsätze in einem von Katharina Bechler und Dietmar Schiersner mustergültig edierten Band vor.

Oberschwaben, der dunkle Erdteil, wahlweise katholisch oder pietistisch beschränkt, geistig wie wissenschaftlich in unseliger Rückständigkeit verharrend: Dieses Bild haben berühmte Autoren der Aufklärung gezeichnet. Was Friedrich Nicolai, Georg Rudolf Weckherlin oder August Ludwig von Schlözer über die süddeutschen Reichsstädte geschrieben haben, prägt das Bild der Schwaben bis heute. Barbara Rajkay spürt in ihrem Beitrag den Ursprüngen dieser Arroganz nach, die einem bisweilen noch heute begegnet in dem Erstaunen der Nichtschwaben über die Leistungsfähigkeit der „Häuslebauer“.

Was ist nun dran an dem Klischee vom hinterwäldlerischem Schwaben, der noch heute auf die Erleuchtung wartet? Bei der von der Gesellschaft Oberschwaben und dem Kultur- und Archivamt des Landratsamtes Ravensburg organisierten Tagung stellten Historiker, Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler ihre jüngsten Forschungen zu Oberschwaben im 18. Jahrhundert vor. Und siehe da: Aus den Beiträgen geht hervor, dass das Licht der Aufklärung sehr wohl aufging im Gebiet zwischen Rhein und Lech, Bodensee und Donau. Stichwort: Biberachs berühmtester Sohn Christoph Martin Wieland und der Musenhof in Schloss Warthausen. Doch leuchtete das Licht nicht überall gleich hell, und manches Mal erlosch es auch allzu schnell.

Peter Blickle, Emeritus der Universität Bern und Doyen der Forschung zur neuzeitlichen Verfassungsgeschichte Oberschwabens, hat Jean Jacques Rousseaus „Contrat social“ mit Wielands satirischem Roman „Die Abderiten“ verglichen. Er kommt zu dem Ergebnis, was Genf für Rousseau, war Biberach für Wieland: das Modell einer Republik. „Rousseau und Wieland entwickeln ihr Verständnis von Republik in einem politisch hochexplosiven Klima, das den gesamten süddeutschen Raum und die Eidgenossenschaft – und beide sind in der Redeweise der frühen Neuzeit Oberdeutschland – erfasst hat.“ Von Bern bis Buchau komme es seit dem späten 17. Jahrhundert immer wieder zu massiven Auseinandersetzungen. Gemeinsam sei diesen Konflikten, die Vorstellung der Bürger von der Verfassung ihrer Stadt. „Der Rat wurde lediglich als beauftragtes Organ der Gemeinde verstanden, in Wahrheit aber beherrschte er die Bürger wie jede andere Obrigkeit auch.“

Wieland, der Pfarrersohn aus Oberholzheim, und seine Jugendfreundin Sophie von La Roche werden von Andrea Riotte und Katja Schneider als zentrale Figuren der Aufklärung geschildert. Andrea Riotte hat Wielands Wirken als Kanzlist in seiner Heimatstadt untersucht. Anfangs sowohl von der katholischen wie der protestantischen Oberschicht kritisch beäugt, wurde Wieland später, als er als Prinzenerzieher in Weimar bekannt und als Autor berühmt war, von seiner Heimatstadt durchaus hoch geehrt. 1794 erwarb die Stadt die sogenannten Fürstenausgabe der Werke Wielands und stellte sie prominent im Ratsaal aus. Allerdings begann der Stern des Poeten in seiner Heimat zu sinken, als postum seine Briefe bekannt wurden, in denen er sich wenig freundlich über seine Biberacher auslässt.

Durch Untersuchungen der Bibliotheken von Klöstern (Magda Fischer) oder der Stadt Ravensburg (Franz Schwarzbauer) wird deutlich: Es finden sich durchaus Schriften von Aufklärern, doch wurden sie nicht systematisch angeschafft. Wolfgang Augustyn vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte München hat sich das Bildprogramm des Malers Januarius Zick vorgenommen. Und erkennt in den Arbeiten des kurtrierischen Hofmalers in Rot an der Rot, Zell oder Wiblingen ein aufklärerisches Bildprogramm.

Die Biografie der aus Vorarlberg stammenden Malerin Angelika Kauffmann ist für Bettina Baumgärtel ein Beweis für das Wirken der Aufklärung in der Region: „Zwar hatten sich in dieser Zeit aufgeklärte und emanzipatorische Ideen noch kaum durchgesetzt, dennoch half ihr der Bonus eines Wunderkindes, die gesellschaftlichen Grenzen ihres Geschlechts zu durchbrechen und sich für den Beruf der Malerin zu entscheiden.“ Baumgärtel will mit ihrem Beitrag auch die gängige Zuordnung Kauffmanns „als Malerin der Empfindsamkeit“ zurechtrücken.

Das zweitägige Symposium war sehr anspruchsvoll angelegt. Es ging um den Einfluss französischer Architektur (Erich Franz) auf oberschwäbische Bauten, um Kunst und Musik (Michael Gerhard Kaufmann). Kirche und Pädagogik. Die Reichsstädte und die Territorien waren weitere übergeordnete Themenkomplexe. Edwin Ernst Weber, Kreisarchivar in Sigmaringen, stellte die bemerkenswerte Biografie des Benediktinerpaters Franz Übelacker vor: Aus dem Klosterbruder wurde ein scharfer Kritiker der Kirche. Transformationsprozesse, ob bei Damenstiften (Dietmar Schiersner) oder in den Reichsstädten (Simon Palaoro) werden ausführlich erläutert. Dass es auch in der katholischen Kirche Ansätze zu Reformen gab, zeigt Manfred Weitlauff am Beispiel von Ignaz Heinrich von Wessenberg. Thomas Wiedenhorn erklärt, wie die Aufklärung das Schulwesen verändert hat. Logen und Lesegesellschaften waren wichtige Orte zur Ausbildung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins, auch in den Allgäuer Reichsstädten, schreibt Wolfgang Petz.

Aufklärung gab es „von unten“, aber auch „von oben“. Stichwort: Die Reformen, mit denen Graf Montgelas Bayern modernisieren wollte – und auf erhebliche Widerstände stieß (Esteban Maurer). Über die aufgeklärten Milieus in der Habsburger Monarchie informiert der Aufsatz von Brigitte Mazohl. Eberhard Fritz warnt in seinem Beitrag über die Herrschaft Karl Eugens vor allzu großen Vereinfachungen. Es habe despotische aber auch aufklärerische Elemente in der Regentschaft des Herzogs gegeben.

Der Tagungsband zeigt - wie es im Untertitel heißt - eine barocke Welt im Umbruch. Es ist ein wissenschaftliches Buch, aber durchaus lesbar und mit 456 Seiten für nur 29,99 Euro geradezu ein Schnäppchen.

Katharina Bechler und Dietmar Schiersner (Hrsg.): Aufklärung in Oberschwaben. Barocke Welt im Umbruch. Verlagsbüro Wais & Partner, Stuttgart, Kommissionsverlag W. Kohlhammer Stuttgart, 2016. 29,99 Euro.

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