Neuer Roman von Ralf Rothmann

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Eine Kindheit zwischen Bomben und der Liebe
Eine Kindheit zwischen Bomben und der Liebe (Foto: Suhrkamp Verlag)

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 254 Seiten, 22 Euro.

Wie viel Leid kann ein junges Mädchen ertragen? Wie erlebt ein Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs? Und wie ging es in den letzten Tagen vor Kriegsende 1945 auf einem Gutshof irgendwo in Deutschland zu? Das sind die zentralen Themen, die Ralf Rothman in seinem neuesten Roman „Der Gott jenes Sommers“ behandelt. Erneut schreibt der 65-jährige Autor über die Wirren der letzten Monate im Krieg, wie auch in seinem Roman „Im Frühling sterben“ aus dem Jahr 2015. Nun also aus der Sicht eines Kindes, eines Mädchens, das eigentlich nur in Ruhe gelassen werden will, um zu lesen und zu lernen. Doch auch sie entkommt dem Elend nicht.

Die Protagonistin Luisa ist fast 13 Jahre alt und hat es zunächst eigentlich noch ganz gut getroffen: Mit ihrer Mutter und älterer Schwester kommt sie auf dem Gutshof ihres Schwagers, dem Nazi-Offizier Vinzent, im Hinterland Kiels in Schleswig-Holstein unter. Der Vater kommt nur sporadisch zu Besuchen vorbei, denn er leitet ein Restaurant in der Stadt. Die Mutter ist unzufrieden, die Schwester schlägt sich die Nächte um die Ohren, und Luisa verkriecht sich erst einmal in ihre Kammer, zieht sich in ihre eigene Welt der Bücher zurück. Und kann die Augen doch nicht ganz vor dem Leben rund um sie herum verschließen.

Da ist zum einen der Melker Walter, der auf dem Hof arbeitet und in den sich Luisa verliebt. Ein Hauch normales Leben einer Heranwachsenden liegt in der Luft. Aber auch die Flüchtlinge aus der ausgebombten Stadt und die Vertriebenen aus dem Osten beschäftigen das Mädchen. Als ihr dann auf der Geburtstagsfeier ihres Schwagers Gewalt angetan wird – ausgerechnet aus dem Kreise ihrer Familie – und sie danach schwer erkrankt, ist ihre Kindheit endgültig vorbei, und sie spricht die frühreifen Worte: „Ich habe schon alles gesehen.“

Drehbuchgleiche Szenen

Bildgewaltig ist Rothmanns neuestes Werk. Einem Drehbuch gleich wirken viele eindrückliche Szenen wie etwa feindliche Flugzeuge, die über dem Hof kreisen oder die Geburt eines Kalbes, die minutiös beschrieben wird. Doch bleiben einige der Hauptcharaktere allzu oft etwas eindimensional. Die Mutter ist stets genervt und weinerlich, Luisa blickt naiv in die Welt und auch ihr „Gegenspieler“, ihr Schwager Vinzent, entwickelt sich im Laufe des Romans nicht weiter, er bleibt stets boshaft und gewalttätig.

Trotzdem legt Rothmanns Roman ein wichtiges Zeitzeugnis ab, beschreibt die Grauen der letzten Kriegswochen auf einer sehr persönlichen Ebene. Besonders interessant wohl für Jugendliche, die bisher noch wenig Literatur über den Zweiten Weltkrieg gelesen haben und auch für Fans des Werks „Im Frühling sterben.“

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 254 Seiten, 22 Euro.

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