Neue Erzählungen von Maarten ’t Hart erschienen

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Ein lächelnder Mann schaut in die Kamera.
Der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart hat ein neues Buch veröffentlicht. (Foto: dpa)
Welf Grombacher

Mit der Kirche hat es Maarten ’t Hart ja nicht so. Hin und wieder aber springt er ein, wenn für den Gottesdienst kein Organist zu haben ist. Dann setzt er sich ans Manual und frönt seiner Vorliebe für Johann Sebastian Bach. So will er das auch in jenem heißen Sommer tun, indem er mal wieder angefragt wird. Er freut sich. Zumal ihn die als gutaussehend angekündigte Aushilfspredigerin doch ein wenig neugierig macht. Aber ach weh! Die Kirche bleibt leer. Alle Schäfchen sind im Urlaub. Egal. Für einen Gottesdienst braucht es keine Gläubigen. Pastorin und Organist genügen! Wenn der störende Gesang der Gemeinde wegfällt – der eh immer hinterherhinkt – lassen sich die wunderschönen Psalmenmelodien schon in einem etwas flotteren Tempo spielen. Der Tag wird gerettet, als der leidenschaftliche Organist nach der Messe zufällig just in dem Moment die Sakristei betritt, in dem die „transpirierende“ Pastorin ihren Talar über den Kopf zieht. „Kein Striptease in einem Nachtclub oder anderswo wäre erregender gewesen.“

Ob sich die schrullige Episode wirklich ereignet hat, die Maarten ’t Hart in seinem neuen Buch „So viele Hähne, so nah beim Haus“ erzählt? Nicht nur einmal stellt man sich bei der Lektüre der 18 autobiografischen Erzählungen diese Frage. In den Niederlanden war der Band 2016 ein Bestseller. Und das ist kein Wunder. Zeigen die bis zu 40 Seiten langen Texte den 1944 in Maasluis geborenen Schriftsteller doch ganz auf der Höhe seines Schaffens. Seine liebevoll altmodische Fabulierlust muss man einfach mögen. Immer schon war er ein komischer Kauz.

Als Sohn eines Totengräbers in einem freudlos calvinistischen Elternhaus aufgewachsen, studierte er zunächst Verhaltensbiologie und schrieb ein Standardwerk über Ratten. Regisseur Werner Herzog nahm ihn deswegen als Nagersachverständigen mit zum Dreh von „Nosferatu“, wo die beiden sich prompt kabbelten, weil Herzog die Ratten als käufliche Statisten missbrauchte. 1987 dann gab Hart seine Lehrtätigkeit auf, um sich der Schriftstellerei zu widmen.

Es geht um Religion, Musik, Natur

Titel wie „Das Wüten der ganzen Welt“ (1993) oder „Die Netzflickerin“ (1996) machten den auf dem Teylingerhof im südholländischen Warmond lebenden Einzelgänger zum Bestsellerautor. Seine Bücher handeln von skurrilen Eigenbrötlern, es geht um Religion, Musik und die Liebe zur Natur. Und die neuen Erzählungen machen da keine Ausnahme. In „Survival of The Fittest“ erzählt er von seiner Zeit als Biologieprofessor und einer schönen Studentin namens Letitia. „Sogar mich, der ich der Ansicht bin, dass im Vergleich zu den Menschenaffen die Milchdrüsen bei Frauen überproportional groß sind, rührte der Anblick ihres wogenden Busens in der Bluse.“ Und Maarten ’t Hart ist nicht der einzige, dem das so geht. Als er die Studentin eines Abends besucht, um eine Seminararbeit durchzusprechen, sieht er, dass ein ganzes Heer an Handwerkern für Letitia ohne Bezahlung ihr altes Grachtenhaus renoviert. Bis tief in die Nacht schuften die Burschen, weil jeder hofft, als letzter übrig zu bleiben und zum Dank für die Ausdauer ins Bett der Schönen schlüpfen zu dürfen.

In der Geschichte „Die Stieftöchter von Stoof“ kehrt der Autor zurück ins Maasluis seiner Kindheit . In „Der Wiegestuhl“ dagegen berichtet er, wie er beinahe einmal mit seiner schwedischen Übersetzerin fremdgegangen wäre. Was nicht wirklich erlebt ist, ist gut erfunden. Mit dem Schalk im Nacken und einer ordentlichen Portion Chuzpe plaudert der Autor aus dem Nähkästlein. Er erzählt auch von dem alten Mann in Warmond, der mit seinem Rauschebart fast aussieht wie der liebe Gott. Ständig klingeln Schulkinder bei ihm, um sich was zu wünschen. Wie kann er ihnen das nur ausreden? Hart rät ihm, es gar nicht erst zu versuchen: „Glauben ist so etwas wie Keuchhusten, nichts hilft dagegen.“

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