Neu im Kino: „Was gewesen wäre“

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30 Jahre nach dem Fall der Mauer muss sich Astrid (Christiane Paul) fragen, unter welchen Umständen sie zu Paul stehen kann.
30 Jahre nach dem Fall der Mauer muss sich Astrid (Christiane Paul) fragen, unter welchen Umständen sie zu Paul stehen kann. (Foto: Flare Film)
Deutsche Presse-Agentur
Andrea Barthelemy

Eine Liebesgeschichte über Jahrzehnte, Mauern und Zäune hinweg – kann das funktionieren? In dem Drama „Was gewesen wäre“ müssen sich Christiane Paul und Ronald Zehrfeld genau dieser Frage und der Vergangenheit stellen. Eigentlich war es zwar anders geplant: Die Reise nach Budapest sollte für Astrid (Paul) und Paul (Zehrfeld), beide Ende 40 und frisch verliebt, das erste romantische Wochenende werden. Doch im mondänen Gellert-Hotel werden die beiden von Astrids Vergangenheit eingeholt – in Form ihrer ersten großen Liebe Julius (Sebastian Hülk), der auch im Gellert zu Gast ist und mit Astrid ebenfalls eine Budapest-Vergangenheit hat.

„Was gewesen wäre“, nach dem gleichnamigen Roman und Drehbuch von Gregor Sander, verhandelt Herzensdinge und immer wieder das Thema, welche Entscheidung im Leben den Unterschied macht und ob sie nach Jahrzehnten vielleicht noch zurückzunehmen ist. Das ist in der Tat eine spannende Frage. Doch der Film (Regie: Florian Koerner von Gustorf) kommt beim Versuch, sie zu beantworten, zunächst nur langsam in die Gänge. Mag sein, dass es daran liegt, dass Astrid und Paul sich noch abtasten und deshalb etwas schablonenhaft agieren. Aber vom Aufstoßen des Fensterflügels mit wehendem Vorhang bis zum Fast-Sofort-Sex im Hotelzimmer ist da erst einmal wenig Überraschung.

Interessanter und vielschichtiger wird es dann aber, sobald die zweite Erzählebene mit Astrids und Julius' Vergangenheit in den Blick rückt: 1986 in der DDR beginnt ihre Teenager-Liebesgeschichte, die sich zwischen Anpassung und Protest bewegt, nach Auswegen in Subkultur und Künstlerkreisen sucht. Natürlich und superpräsent: Mercedes Müller und Leonard Kunz als die Jugendlichen Astrid und Julius.

Schicht für Schicht wird die mäandernde Geschichte der beiden in den Rückblenden freigelegt. Freiheitsdrang, Heimatliebe, Militärdienst, Ausreiseanträge von Freunden, der Wunsch, Medizin zu studieren und schließlich eine Flucht über Jugoslawien – all das hat darin seinen Platz. Auch Liebe und Verrat.

Zur Halbzeit hat der Film somit deutlich an Fahrt aufgenommen – das Wiedersehen mit Julius setzt neue Dynamiken frei. Zwischen Astrid und Paul, seinerseits lange Jahre ein „Beziehungsflüchtling“, kracht und lodert es, aber auch in größerer Runde auf einem gemeinsamen Treffen mit Julius, seinem Bruder und deren ungarischen Künstlerfreunden, die sich starken Repressionen durch die nationalistische Fides-Partei ausgesetzt sehen.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer stellt sich in dieser Runde also erneut die Frage: Wie groß ist der Drang nach Freiheit? Gehen oder bleiben? Unter welchen Umständen kann oder möchte ich trotzdem zu jemand anderem stehen? Was sagt mein Herz? Ein zweites illegales Überwinden eines Grenzzauns wird schließlich zeigen, wie Astrid für sich die Frage beantwortet, die sie umtreibt: Was wäre gewesen, wenn …?

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