Neu im Kino: „Titane“ vermischt Horror und Familiendrama

Garance Marillier als Justine.
Garance Marillier als Justine. (Foto: Carole Bethuel/Kochmedia)
Stefan Rother

Wenn sich in Cannes die internationale Filmszene zum Festival trifft, dann werden Skandale und Kontroversen nicht nur toleriert, sondern fast schon erwartet. Unter diesem Gesichtspunkt ist ein Beitrag wie „Titane“ von Julia Ducournau natürlich besonders für dass Festival geeignet. Schließlich ist die Regisseurin und Drehbuch-Autorin dort keine Unbekannte, sondern präsentierte bereits 2016 ihren Debütfilm „Raw“. In diesem mutiert eine vegetarische Studentin nach Fleischgenuss zur Kannibalin. Die Reaktionen waren teils im Wortsinne umwerfend. Auf einem anderen Filmfestival sollen zwei Zuschauer gar in Ohnmacht gefallen sein.

Seitdem haftet an der Französin das Attribut der Skandalfilmerin. Eine kurze Inhaltsangabe ihres zweiten Spielfilms scheint dies mehr als zu bestätigen: Eine junge Frau, Alexia (Agathe Rouselle), hat nach einem Autounfall in ihrer Kindheit die titelgebende Titanplatte in ihrem Schädel implementiert bekommen. Seitdem hat sie ein gelinde gesagt besonderes Verhältnis zu den Fahrzeugen. Zum einen verdient sie ihr Geld als erotische Tänzerin auf Auto-Shows, zum anderen lässt sie sich auch auf eine körperliche Beziehung zu einem der Exponate ein und wird von dem Boliden prompt schwanger. Darüber hinaus entpuppt Alexia sich auch noch schnell als Serienmörderin, mal aus Notwehr, mal wenn ihr Menschen zu nahe kommen.

Die Ausgangsgeschichte erinnert sehr an das Genre des „Body Horror“, bei dem der menschliche Körper in der Regel unerfreulichen Verwandlungen unterworfen wird. Vertreter des Genres feierten bislang durchaus auch beim breiteren Publikum Erfolge, insbesondere wenn sie von David Cronenberg („Die Fliege“, „Der Blob“) stammten. Auch „Titane“ stieß in Cannes auf ein positives Echo und wurde als feministischer Horrorfilm mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, ausgezeichnet.

Lohnt sich ein Kinobesuch aber auch für ein Nicht-Festivalpublikum? Unter Umständen schon. Ein belastbarer Magen und ebensolche Nerven sind Grundvoraussetzung, denn der Film macht es seinen Zuschauern sowohl hinsichtlich der durch die Hauptfigur begangenen Morde als auch ihrer fortschreitenden Schwangerschaft samt Motoröl-Austritt nicht gerade leicht. Allerdings blitzt auch in diesen Szenen bisweilen ein grimmig-schwarzer Humor auf, der dann doch wieder etwas Distanz zum grausligen Treiben schaffen kann.

Was „Titane“ aber primär jenseits des Schockfaktors hervorstechen lässt, ist die zweite Hälfte des Films. Denn nachdem so gründlich wie selten illustriert wurde, was für eine kaputte Persönlichkeit die Hauptfigur ist, schaltet die Handlung einen Gang zurück. Auf ihrer Flucht entdeckt Alexia nämlich das Fahndungsplakat eines seit zehn Jahren vermissten, seinerzeit siebenjährigen Jungen. Darauf beschließt sie, sich als dieser auszugeben, rasiert sich den Kopf, bindet sich die Brüste ab und – ein Familienfilm ist „Titane“ auch weiterhin nicht – bricht sich selber die Nase.

Die Polizei ist skeptisch, ob es sich bei ihr wirklich um den vermissten Adrien handelt. Dessen Vater Vincent (Vincent Lindon) ist aber überglücklich und nimmt dem vermeintlichen verschollenen Sohn mit zu sich nach Hause. Auch der alternde Feuerwehrmann hat einiges an Ballast angesammelt: Die Ehe ist über den Verlust auseinandergegangen, darüber hinaus pumpt er seinen Körper regelmäßig mit Steroiden auf. Zu dem zunächst stummen und abweisenden Adrien baut er dennoch mit der Zeit so etwas wie eine familiäre Beziehung auf.

Dieses mal behutsame, mal aggressive Annähern zweier extremer Außenseiter verleiht dem Film eine überraschend emotionale Note jenseits allen Horrors. Dazu tragen auch die beiden Hauptdarsteller bei, die sich mit voller Wucht in die absurde Geschichte werfen. Agathe Rouselle arbeitete bislang vor allem im Medien- und Modebereich, erklärte sich als nichtbinär, also keiner Geschlechteridentität eindeutig zuordenbar, und gibt hier ihr Spielfilmdebüt. Vincent Lindon ist dagegen ein Veteran des französischen Kinos und verleiht dem Film trotz seiner von der Realität weit entrückten Rolle eine gewisse Erdung. Darüber hinaus hat Regisseurin Ducourneau eine sehr eindringliche Bildsprache – nicht nur in den Szenen voller Gewalt oder körperlicher Veränderung, sondern auch in Momenten wie einem entrückten Tanz der Feuerwehrmänner, die auf Druck von Vincent seinen verschollenen Sohn als Auszubildenden aufgenommen haben.

Horrorfans dürfte die Wendung des Films zum unkonventionellen Familiendrama möglicherweise ebenso wenig zusagen wie anderen Zuschauern die bizarr-brutale Ausgangshandlung. Beides gibt es aber nur im Doppelpack – und es lässt sich nicht bestreiten, dass diese so unterschiedlichen Komponenten sich letztlich in ihrer Wirkung bestärken.

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