Neu im Kino: „The 355“, ein Actionthriller mit fünf Agentinnen

Diane Kruger spielt die BND-Agentin Marie Schmidt, die sich mit dem Objekt der Begierde, einem Datenschlüssel, aus dem Staub mac
Diane Kruger spielt die BND-Agentin Marie Schmidt, die sich mit dem Objekt der Begierde, einem Datenschlüssel, aus dem Staub macht. Ihre Mitstreiterinnen aus aller Welt bleiben ihr allerdings auf den Fersen. (Foto: Robert Viglasky/Imago Images)
Stefan Rother

Gleichberechtigung hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Thema in Hollywood entwickelt. Dabei geht es etwa in Bezug auf Darstellerinnen nicht nur darum, mehr Rollen weiblich zu besetzen, sondern auch um Fragen wie: Was sind das für Rollen? Wie werden die Schauspielerinnen dafür bezahlt? Welche Rollen spielen Frauen hinter der Kamera, bei der Produktion und Stoffauswahl? Hier war in den vergangenen Jahren Bewegung zu verzeichnen. So ging 2020 der Oscar an die Regisseurin von „Nomadland“, Chloé Zhao, und auch im Superhelden-Genre sind Frauen auf dem Vormarsch, etwa als „Wonder Woman“ oder „Black Widow“.

Ein Genre blieb allerdings weitgehend männerdominiert: das des Agentenfilms. Klar, es gab Ausnahmen wie „Salt“ mit Angelina Jolie vor schon fast zwölf Jahren. Ansonsten fanden sich Agentinnen aber eher in Genreparodien wie „Miss Undercover“ oder „Spy: Susan Cooper Undercover“.

Hier setzt „The 355“ mit einem knallharten Agentinnenthriller neue Aktzente, gelegentlich mit Humor, vor allem aber mit aufwendigen Kampfszenen, High-Tech-Spielereien, glamourösen Empfängen, wechselnden Allianzen und Schauplätzen von Paris bis Shanghai – also so ziemlich allem, was man von James Bond und Kollegen gewohnt ist. Im Mittelpunkt stehen hier gleich fünf Agentinnen, gespielt von Penélope Cruz, Lupita Nyong’o, Diane Kruger, Fan Bingbing und Jessica Chastain. Chastain war auch die treibende Kraft hinter dem Projekt, lieferte die Ausgangsidee und setzte sich dafür ein, dass alle Hauptdarstellerinnen die gleiche Gage erhielten.

Vom Ansatz her ist der Film mehr „Bourne“ als „Bond“, allerdings finden sich hier mehrere Einzelkämpferinnen nach und nach zu einem Ensemble zusammen. Der Gegenstand, hinter dem alle her sind, ist wie so oft nur Mittel zum Zweck, um Schurken und Spione einmal um die ganze Welt hetzen zu lassen: Ein Datenschlüssel, mit dem in jedes Computersystem der Welt eingedrungen und die Kontrolle übernommen werden kann. Der taucht zu Beginn bei einem Einsatz gegen einen Drogenboss im kolumbianischen Dschungel auf – und verschwindet ebenso schnell wieder. Denn Agent Luis (Édgar Ramírez) wittert die Chance auf das große Geld und will ihn an den US-Geheimdienst verscherbeln. Als Übergabepunkt ist Paris vorgesehen, und das auch privat verbandelte Agenten-Duo Mason „Mace“ Browne (Chastain) und Nick Fowler (Sebastian Stan) geht von einer problemlosen Übergabe aus.

Doch dann greift sich die Kellnerin in dem als Treffpunkt vorgesehenen Café plötzlich den Rucksack mit der heißen Ware. Sie entpuppt sich als knallharte BND-Agentin Marie Schmidt (Kruger). Der deutsche Geheimdienst ist offenkundig ebenso hinter dem Schlüssel her wie die Kolumbianer, die Psychologin Graciela Rivera (Cruz) losgeschickt haben, um den abtrünnigen Spion zurück ins Heimatland zurückzuholen.

Man ahnt schnell, dass diese Frauen trotz aller Gegensätze und Abneigungen – vor allem Mace und Marie liefern sich zunächst ein schonungsloses Duell – zusammenarbeiten müssen. Mace holt noch ihre frühere Kollegin vom britischen MI6 Geheimdienst, Khadijah Adiyeme (Nyong’o), aus dem Agentinnen-Ruhestand zurück. Nur die Rolle der Chinesin Lin Mi Sheng (Fan), die sich zunächst im Hintergrund hält, bleibt lange unklar.

Wie bei Actionfilmen üblich, kommen die Agentinnen an einen Punkt, an dem sie ganz auf eigene Faust handeln müssen. Woher sie dann ihre Ressourcen beziehen, um mit High-Tech-Ausrüstung und Waffen von Schauplatz zu Schauplatz zu jetten, bleibt unklar. Auch sonst hält sich der Film nicht allzu sehr mit Logik und Plausibilität auf – und zieht in diesem Punkt mit vielen Agentenfilmen mit männlicher Besetzung gleich.

Unterschiede gibt es dann aber doch, etwa indem das Drehbuchautoren-Gespann aus Simon Kinberg („Mr. & Mrs. Smith“), der auch Regie führte, und der Schriftstellerin und Theaterautorin Theresa Rebeck den Figuren etwas mehr Hintergrund als üblich spendiert. So agieren die Agentinnen eben nicht im Vakuum, sondern haben daheim Partner, eine Familie oder, wie im Fall von Krugers Einzelkämpferin Marie, eine tragische Familiengeschichte. Dies verleiht einigen der emotionaleren Szenen des Films zusätzliches Gewicht.

Im Vordergrund steht aber die Action, und in diessem Punkt dürfte der Film ein breites Publikum ansprechen. Die Hollywood-Produk-tion hat auch den chinesischen Markt im Blick und wartet nicht nur mit Superstar Fan Bingbing auf. Sie zeichnet auch ein so vages Bild des dortigen Apparats, dass kein Zensor den Drang verspüren musste, zum Rotstift zu greifen. Ob sich der erhoffte globale Erfolg tatsächlich einstellt, ist aufgrund des neuen Ansatzes besonders interessant und dürfte auch entscheidend für weitere Filmprojekte sein.

Der Titel bezieht sich übrigens auf den Codenamen einer Agentin in George Washingtons Spionageorganisation Culper Ring während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Tarnung funktionierte dabei so gut, dass bis heute nicht endgültig geklärt ist, welche Frau sich hinter der Nummer verbarg. Ihre Nachfolgerinnen in „The 355“ setzen eindeutig mehr auf Öffentlichkeit.

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