Neu im Kino: „Respect – Filmbiografie über Aretha Franklin“

 Jennifer Hudson ist die ideale Besetzung für die Rolle der Aretha Franklin in „Respect“.
Jennifer Hudson ist die ideale Besetzung für die Rolle der Aretha Franklin in „Respect“. (Foto: Universal Pictures/dpa)
Stefan Rother

Filmbiografien gibt es seit einigen Jahren im Kino geradezu inflationär und von wechselnder Güte. Wenn es um die Lebensgeschichte von Sängerinnen und Sängern geht, kann man davon zumindest gute Musik erwarten. Was dagegen neben Stationen wie Kindheit, Ruhm, Krisen und Exzessen teils auffällig wenig Raum einnimmt, ist der musikalische Schaffensprozess – vielleicht weil er sich nur schwer auf die Leinwand übertragen lässt. „Respect“ nähert sich dagegen diesem Aspekt, bietet aber auch reichlich von den anderen Zutaten. Mit entsprechender Überlänge von fast zweieinhalb Stunden wird der Film der Bedeutung von Aretha Franklin somit in vielen Punkten gerecht, auch wenn einige prägende Dimensionen dennoch recht nebulös bleiben.

Das wichtigste aber zuerst: „Respect“ bietet reichlich Musik der „Queen of Soul“, und mit Jennifer Hudson hat man eine geradezu ideale Besetzung gefunden. Erste Bekanntheit erlangte sie 2004 in der Sendung „American Idol“, wäre aber sicher auch ohne Castingshow-Teilnahme ihren Weg gegangen. So ergatterte sie nur zwei Jahre später einen Oscar als beste Nebendarstellerin in „Dream Girls“, ebenfalls ein Musikfilm, der mit einigen Freiheiten die Geschichte des weiblichen Soultrios The Supremes nacherzählt. Es folgten große Erfolge und familiäre Tragödien, die eines Tages sicher auch noch verfilmt werden. Für „Respect“ bringt Hudson jedenfalls die Stimme und die Persönlichkeit mit, um Franklin gerecht zu werden. Denn die ist vor allem in den USA viel mehr als nur eine legendäre Sängerin. Sie ist auch eine Bürgerrechts-Ikone.

Beide Lebenswege wurden der 1942 geborenen Aretha durchaus in die Wiege gelegt, wuchs sie doch in einem besonders für die damalige Zeit ungewöhnlichen Haushalt auf. Ihr Vater war der Baptistenprediger und Aktivist C.L. Franklin (Forest Whitaker). Dieser bediente als eine Art Wanderprediger zunächst gleich mehrere Kirchengemeinden und wurde durch seine kraftvollen Predigten zu einer Art Popstar, Radioübertragungen und Plattenaufnahmen inklusive. Dies brachte ihm Wohlstand und Status ein. Im Haus der Familie war die schwarze Musikprominenz der Zeit zu Gast, von Dinah Washington (Mary J. Blidge) über Sam Cooke (Kelvin Hair) bis zu Smokey Robinson (Lodric D. Collins). Ein weiterer enger Weggefährte war ein gewisser Martin Luther King Jr. (Gilbert Glenn Brown). Sonntags in der Kirche und bei den Party-Empfängen am Vorabend durfte bereits die kleine Aretha (im Film dargestellt von Skye Dakota Turner) Proben ihres großen Gesangstalents geben.

Soweit die positive Mitgift. Doch aus dieser Zeit bekam Aretha auch Dämonen mit auf den Weg, gegen die sie noch lange im Leben ankämpfte. Denn neben all den hehren Worten war der Vater auch ein herrschsüchtiger Patriarch und notorischer Fremdgänger, sodass Arethas Mutter (Audra McDonald) sich schließlich von ihm getrennt hat. Ihr plötzlicher Tod kurz vor dem zehnten Geburtstag der Tochter hinterließ bei dieser tiefe Wunden.

Noch einschneidender war, dass Franklin mit gerade einmal zwölf Jahren ihr erstes Kind bekam und bereits zwei Jahre darauf ein weiteres. Diese für den Zuschauer kaum vorstellbare Zeit lässt Regisseurin Liesl Tommy in ihrem Spielfilmdebüt weitgehend im Dunkeln und überspringt die folgenden Jahre fast völlig. Die Vaterschaft der beiden Kinder bleibt im Dunklen.

Stattdessen schwenkt der Film in Richtung konventionellere Biografie um. Franklin bekommt mit 18 Jahren ihren ersten Plattenvertrag, die Nummern finden zwar Anerkennung, schaffen es aber nicht auf die vorderen Plätze der Charts. Die Hits stellen sich erst durch den Wechsel zum heute legendären Produzenten Gerald „Jerry“ Wexler (Marc Maron) ein. Der bringt die Afroamerikanerin mit weißen Südstaatenmusikern aus Muscle Shoals, Alabama zusammen – und gemeinsam entwickeln sie „I Never Loved a Man (The Way I Love You)“, Franklins ersten großen Single-Erfolg. Hier vermittelt der Film das Gefühl, dem künstlerischen Entstehungsprozess beizuwohnen, ebenso als Aretha sich mit ihren Schwestern das Arrangement von „Respect“, ursprünglich ein Song von Otis Reding, erarbeitet.

Für diese Szenen nimmt sich der Film angemessen Zeit, danach geht es aber in großen Schritten weiter: toxische Beziehungen, Welterfolge, Aktivismus, Gospelaufnahmen, „Respect“ ist so vollgepackt wie Arethas Leben, obwohl die Handlung bereits im Jahr 1972 endet. Dafür bietet zum Schluss eine Videoaufnahme noch einen würdigen Blick auf die späte Aretha: Bei ihrem Auftritt mit „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ in Washington im Jahr 2015 können die Komponistin des Songs, Carole King, sowie die Obamas im Publikum vor Begeisterung kaum an sich halten.

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