Neu im Kino: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Mit einem Schweigemarsch in Washington möchten Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) au
Mit einem Schweigemarsch in Washington möchten Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) auf das Schicksal von Murat Kurnaz in Guantanamo aufmerksam machen. (Foto: Andreas Höfer/dpa)
Rüdiger Suchsland

Ob Frank Walter Steinmeier nach seiner Wahl für eine zweite Amtsperiode wohl Zeit findet, ins Kino zu gehen? Zumindest diese Woche gäbe es Interessantes für ihn zusehen, andererseits wäre er wohl auch nicht recht glücklich über das, was er dort auf der Leinwand zu sehen bekommt. Denn nun kommt Andreas Dresens Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ins Kino. Und der erinnert an eine, nun ja, dunkle Seite in Steinmeiers Vergangenheit. In der Amtszeit von Kanzler Gerhard Schröder war Steinmeier dessen Kanzleramtsminister und unter anderem dafür verantwortlich, dass der unter falschen Voraussetzungen im US-Lager Guantanamo inhaftierte deutsche Staatsbürger Murat Kurnaz erst vier Jahre zu spät befreit wurde.

Dieser Teil von Kurnaz’ Schicksal – die skandalöse Verschleppung und öffentliche Verdrängung der Angelegenheit durch deutsche Behörden – ist ein Erzählstrang unter mehreren in Andreas Dresens neuem Film und sozusagen dessen moralischer Kern. Überhaupt der einzige Kern, wenn man ehrlich ist. Es handelt sich nämlich trotz allem nicht um einen Politthriller, sondern eher um ein emotionales und moralisierendes Drama. Und das präsentiert sich seinem ernsten Thema zum Trotz vor allem als Komödie und hat tatsächlich gewisse fröhliche Seiten. Humor, sogenannte Menschenfreundlichkeit und ein fast zu niedliches Grundeinverständnis mit der Welt sind seit „Halbe Treppe“ Dresens Markenzeichen.

Wäre der Film nur als Film ein bisschen interessanter! Filmisch aber handelt es sich um eine stilistisch ideenlose Illustration des jahrelangen Kampfes von Kurnaz’ Mutter und deren Bremer Anwalt um Gerechtigkeit vor der amerikanischen Justiz. Dresen reduziert diese im realen Leben bestimmt spannende Frau auf eine türkische Mutter Beimer: Sie spricht Akzent, sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, sie macht nichts falsch, sie kümmert sich um alles, ihre Jungs beschützt sie gegen alle Anfeindungen des Lebens, ihrem Mann sagt sie die Meinung. Und ihr Apfelkuchen ist unvergleichlich gut.

Meltem Kaplan spielt diese Figur energiegeladen. Aber ist das auch gut? Ein Türkenklischee trifft aufs nächste, dazwischen bleibt Raum für Schenkelklopf-Gags. Alles ist ein bisschen banal, sehr menschlich. Aber ist es nicht ein sonderbares Menschenbild, wenn man glaubt, dass nur in der Banalität des Menschliche aufscheint? So bleibt ein rustikales Drama, das sich nicht recht entscheidet, ob es Komödie oder Politthriller sein will, und fragwürdige Pointen aneinanderreiht. Zu viel Klamauk, der zu viel ausblendet.

Immerhin: Andreas Dresen hat auch einen Film über die subtilen Parallelen gemacht, die sich zwischen dem damaligen inzwischen über 20 Jahre alten Fall Kurnaz und unserer Gegenwart eröffnen. Denn vergessen wir nicht, was heute erwiesen ist und was man damals als Lügenpropaganda gebrandmarkt hatte: Es gab eine Zeit, da unterstützte die komplette westliche Welt einen sogenannten Krieg gegen den Terror, bei dem eine demokratische Regierung bewusst gefälschte Unterlagen bei der UNO vorlegte, um gewünschte Beschlüsse zu erreichen. In der manipuliert und mit Fake News, mit falschen Zeugen, mit falschen Experten gearbeitet wurde.

Dieses demokratische Land hat gefoltert, es unterhält auch in Europa offiziell Geheimgefängnisse, die keiner Jurisdiktion unterliegen. Und es unterhält ein Lager auf dem Gebiet eines fremden Staates, für das die US-Justiz nicht zuständig ist und über das der US-Präsident offensichtlich keinerlei Machtbefugnis besitzt – denn es liegt ja im Ausland. Gegen diese Gefangenen liegt keine Anklage vor. Gegen sie gibt es keinen Prozess, ihre Haftbedingungen werden nur selten und schlecht von unabhängigen Organisationen kontrolliert, und ihre Gefangenschaft endet womöglich erst mit dem Tod.

Davon erzählt der Film zumindest am Rand. Und es fällt schwer, beim Betrachten von Dresens Film nicht an einigen Stellen an die heutige außenpolitische Lage zu denken. Denn der Film zeigt, wie Öffentlichkeit manipuliert werden kann und wie sie sich manipulieren lässt. Hier liegt die unbedingte Aktualität und relative Stärke dieses Stoffes.

Der Rest? Nun ja. Dieser Film häuft Szenen und Befunde aneinander, zieht aber keinerlei Konsequenzen daraus. Er nimmt eigentlich für nichts wirklich Partei, auch wenn schon irgendwie klar ist, wo der Film politisch steht. Aber Dresen laviert und flüchtet sich ins Menschelnde. „Wir müssen uns den Rechtsstaat zentimeterweise erkämpfen“, sagt der von Alexander Scheer glänzend gespielte Bremer Anwalt, der jahrelang für Gerechtigkeit für Murat Kurnaz kämpfte. Aber was bitte sagt das eigentlich über den Rechtsstaat?

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