Neu im Kino: „Eingeimpft. Familie mit Nebenwirkungen“

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Soll Tochter Zaria geimpft werden oder nicht? Filmautor David Sieveking sucht nach Antworten.
Soll Tochter Zaria geimpft werden oder nicht? Filmautor David Sieveking sucht nach Antworten. (Foto: Kinofreund)

Eingeimpft. Familie mit Nebenwirkungen. Regie: David Sieveking. Deutschland 2018. 95 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

Persönliche Betroffenheit ist sein Ansatz. Der Berliner Filmautor David Sieveking beschrieb 2010 in seinem Erstlingsfilm „David wants to fly“ seine Sinnsuche mithilfe transzendentaler Meditation. 2012 kam sein mit vielen Preisen ausgezeichneter Film „Vergiss mein nicht“ über die letzten Jahre seiner an Demenz erkrankten Mutter in die Kinos. Nun also das Impfen, über das Sieveking und seine Partnerin sich nicht einig sind. Soll Tochter Zaria die vom Kinderarzt empfohlenen Impfungen erhalten oder nicht? Sieveking will sich selbst eine Meinung bilden. Er macht sich auf zu erklärten Impfgegnern, lässt aber auch den Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts zu Wort kommen. Hört sich ausgewogen an, ist es aber nicht. Denn die Auswahl seiner Gesprächspartner ist beliebig, der Schwerpunkt liegt klar auf Seiten der Impfskeptiker. Sieveking verirrt sich im Dickicht der unterschiedlichen Meinungen – und der Zuschauer ist nach Ansicht des ansonsten durchaus unterhaltsamen Einblicks in das Sieverking’sche Familienleben nicht schlauer als zuvor. Kein gutes Fazit für einen Film mit wissenschaftlichem Anspruch.

In der Tat amüsant ist die Nabelschau Berliner Befindlichkeiten. Denn wenn in Berlin-Kreuzberg wohnhafte Akademiker Eltern werden, ist die Hysterie nicht weit. Jessica de Rooji, Sievekings Partnerin, bricht in Tränen aus wegen „dem unnatürlichen Zeugs“, das ihrer Tochter Zaria mit einer Impfung gespritzt werden soll. Im nächsten Satz räumt sie ein, von Impfungen keine Ahnung zu haben. Mit Schmunzeln verfolgt man die Kabbeleien des Paares zwischen durchwachten Nächten, Wickeln und den unvermeidlichen Gängen zum Kinderarzt, wenn das Kind nachts mehr als einmal gehustet hat. Sieveking erzählt nicht ohne ein sympathisches Augenzwinkern von seinem Weg vom Kreuzberg-Single zum biederen Vorstadtbewohner. So weit, so unterhaltsam.

Schwieriger wird es, wenn Sieveking mit dem Anspruch, Antworten auf wissenschaftliche Fragen zu geben, von einem Gesprächspartner zum nächsten zieht. Da fehlt die ordnende Hand. Seine offen zur Schau getragene Naivität, die scheinbar nach allen Richtungen offene Herangehensweise führt zu einem Sammelsurium an vagen Aussagen und Behauptungen. Teils werden von Impfgegnern hanebüchene, ausschließlich emotional begründete Angstszenarien aufgebaut. Und das, ohne dass der Autor einen Riegel vorschiebt. So ist beispielsweise der Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus, der vor Jahren diskutiert wurde, wissenschaftlich inzwischen eindeutig widerlegt. Sagt Sieveking nach Sichtung der Akten. Um dann nachzuschieben: „Aber was, wen die Masernimpfung nun doch in ganz, ganz seltenen Fällen Autismus auslöst?“

Diffuser Umgang mit Fakten

Sieveking bewertet wissenschaftliche Fakten nach Belieben – und entwertet sie gleich wieder, wenn sie nicht in sein Weltbild passen. Überhaupt darf bezweifelt werden, ob sich ein kontrovers diskutiertes Thema wie das Impfen für eine persönliche Betroffenheitsgeschichte eignet. Denn das so oft zitierte Bauchgefühl hat in dieser Diskussion nichts verloren.

Was bleibt? Ein amüsanter Einblick in die Findungsphase einer jungen Familie in Berlin, der gut ins RTL-Nachmittagsprogramm passen könnte, nur dass Künstler und Akademiker diesmal die pseudodokumentarischen Rollen spielen. Und Sorgen, um die mancher die begüterten Hipster beneiden würde. Einen ernstzunehmenden Überblick über das Thema Impfen bleibt Sieveking schuldig. Junge Eltern werden nach diesem Film eher mehr als weniger Fragen haben.

Eingeimpft. Familie mit Nebenwirkungen. Regie: David Sieveking. Deutschland 2018. 95 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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