Neu im Kino: „Der Rausch“ – Im Suff durch die Midlife-Crisis

Nur ein stabiler Alkoholpegel hilft, gut durch den Alltag zu kommen. Diesen Ansatz einiger Wissenschaftler machen sich Martin (M
Nur ein stabiler Alkoholpegel hilft, gut durch den Alltag zu kommen. Diesen Ansatz einiger Wissenschaftler machen sich Martin (Mads Mikkelsen, Mitte) und seine Freunde zu eigen. Martins Abschlussklasse jedenfalls findet Gefallen an der Versuchsanordnung. (Foto: Henrik Ohsten/dpa)
Rüdiger Suchsland

Vier Männer sind die Hauptfiguren im Film „Der Rausch“. Alle sind sie Lehrer an einem renommierten Kopenhagener Gymnasium. Sie sind Freunde, sie haben Familie, leben in verschiedenen Beziehungsphasen, und sie haben etwas gemeinsam: Sie erleben gerade eine Midlife-Crisis. Voller Idealismus haben sie einst ihren Lehrerberuf begonnen. Doch der Alltag, die Bürokratie, der ermüdende Umgang mit Schülern und Eltern haben ihren Elan jeden Tag ein klein bisschen mehr verpuffen lassen. Und jetzt sind sie – das wissen sie selber – keine guten Lehrer mehr, sondern abgestumpfte Langweiler. Wenn die Schüler desinteressiert vor ihnen sitzen, sind sie selber schuld. Was tun?

Nicht allein und nicht in Liebesaffären, sondern gemeinsam, als Freunde und im Alkoholrausch finden die vier Erleichterung. Als sie sich bei einer Geburtstagsfeier weinerlich ihr Leid klagen und dann ordentlich betrinken, kommen sie auf eine Idee. Sie beginnen ein Experiment: Sie nehmen die These mancher Wissenschaftler wörtlich, nach der ein bisschen Alkohol dem Menschen gut tut, totale Nüchternheit dagegen der Gesundheit schadet. Es gibt diese Forscher wirklich! Und so beschließen sie, von morgens vor der Arbeit bis um 20 Uhr regelmäßig zu trinken, um einen gewissen Alkoholpegel zu halten. „Wie Hemingway.“ Tatsächlich wird ihr Unterricht davon beflügelt, trotzdem gerät alles auch zunehmend aus dem Ruder. „Druk“, so der Originaltitel, heißt auf Dänisch nicht etwa „Der Rausch“, sondern „Suff“.

Der Däne Thomas Vinterberg, der 1995 mit „Das Fest“ zu einem der Begründer der dänischen „Dogma“-Bewegung wurde, erzählt von der Midlife-Crisis und der Frage, ob und wann Alkohol und Rausch eine Lösung sein können. Was in den ersten Minuten so beginnt, dass das Publikum ein moraltriefendes Alkoholikerdrama erwarten könnte, verwandelt sich schnell in eine beschwingte Komödie über Exzess und Freiheit.

Geschickt und einfallsreich spielt Vinterberg mit den Gewissheiten unserer Selbstoptimierungsgesellschaft, auch mit einem inneren oder sozialen Moralregime, das verlangt, perfekt zu sein, gesund zu leben, den Körper zu stählen, zu trainieren, möglichst immer weiter zu verbessern, aber mindestens so zu erhalten, wie er ist. Für wen eigentlich? Für sich selbst oder vielleicht eher für diejenigen, die ihn ausbeuten wollen?

Vinterberg stellt große Fragen: Warum lebt man überhaupt? Was will man vom Leben? Wo liegt sein Sinn? Seine Antwort hingegen ist einfach: Freundschaft und Geselligkeit sind das Wichtigste. Sein Film widerspricht der allgegenwärtigen Überzeugung, dass Sucht immer böse und Leistung immer wichtig ist: Alkohol kann auch gut tun. Und wozu sollte man eigentlich perfekt sein? Wozu in tugendhafter Reinheit leben?

Vinterberg hält diesen Antimoralismus erstaunlich gut durch. Sein Film polemisiert vor allem gegen all jene, die immer genau wissen, was gut und richtig ist. Und gegen alle vermeintlichen Spaßverderber, die mit medizinischen Gründen und gesundheitlichen Argumenten Menschen das ausreden, was ihnen Vergnügen bereitet. Dafür lässt er eine seiner Figuren sogar den dänischen Philosophen Kierkegaard zitieren: „Akzeptiere dich selbst als fehlbar.“

Luftig und versoffen, fröhlich und melancholisch, gelegentlich wild und oft weise: „Der Rausch“ ist ein berauschender Film-Cocktail, ein Film über das Trinken, der sich nicht anmaßt, vor dem Gebrauch von Alkohol zu warnen. Doch wenn man genau hinschaut, ist es eigentlich gar kein Film über das Trinken. Es geht vielmehr um Freundschaft und um die Paradoxie unseres Lebens, dessen erste Jahrzehnte wir damit verbringen, herauszufinden, wer wir sein wollen, um den Rest unseres Lebens damit zu verbringen, dieser Vision nicht gerecht zu werden.

So heiter und fröhlich der Film auch ist, er hat auch traurige, bittersüße Momente. Doch sie haben nichts mit Rausch und Alkohol zu tun, sondern mit dem Tod und mit dem Verschwinden der Jugend, der gerade den vier Lehrern alljährlich vor Augen geführt wird, wenn sie einen neuen Jahrgang erfolgreich zum Abitur geführt haben. Für den Regisseur Vinterberg hat der Film auch eine sehr traurige, persönliche Komponente. Denn mitten im Dreh starb seine gerade 19-jährige Tochter Ida bei einem Autounfall. Mit diesem Wissen sieht man die ausgelassenen Abschlussfeiern dieses schönen Films und sein Plädoyer für Lebensfreude und das Auskosten der Gegenwart noch ein bisschen anders.

Am Schluss tanzt Hauptdarsteller Mads Mikkelsen beschwingt über die ganze Leinwand. Bei allen Klischees, die solchen Begriffen innewohnen: Wenn es noch so etwas wie einen „Männerfilm“ gibt, dann ist es dieser.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen