Neu im Kino: „Christo – Walking on Water“

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 Der Künstler als König: Christo auf dem Iseosee im Fokus der Kameras. Das Bild zeigt eine Szene aus dem Film „Christo – Walking
Der Künstler als König: Christo auf dem Iseosee im Fokus der Kameras. Das Bild zeigt eine Szene aus dem Film „Christo – Walking on Water“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. (Foto: Wolfgang Volz)
Rüdiger Suchsland

Was haben sie nicht alles verhüllt oder mit ihren gigantischen Stoffplanen in einen anderen, ungesehenen, poetischen Zusammenhang gestellt: der aus Bulgarien stammende Künstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude. Der Reichstag in Berlin ist in Deutschland ihr bekanntestes Projekt, aber auch die Verhüllung der Pariser Pont Neuf 1985 war spektakulär, oder die „Umbrellas“ in Japan – unzählige blaue Regenschirme ...

Nach dem Tode seiner Ehefrau 2009 setzte Christo eine Weile aus, bevor er eine alte Idee aufgriff, die er und Jeanne-Claude bereits in den 1970er-Jahren hatten: eine monumentale Konstruktion aus stoffüberzogenen, leuchtend orangenen Pontons, die es ermöglichen, übers Wasser zu wandeln. Zuerst sollten sie in Lateinamerika den Rio de la Plata zwischen Uruguay und Argentinien überbrücken. Doch das scheiterte an Regierungsauflagen, ebenso wie ein weiterer Versuch in der Bucht von Tokio.

In Italien wurde es auf der norditalienischen Insel San Paolo im Iseo-see zwischen Mailand und Venedig schließlich möglich: Mehr als 1,2 Millionen Menschen haben „Floating Piers“ im Jahr 2016 gesehen. Der Filmemacher Andrey Paounov begleitete dieses spektakuläre Projekt, das erste Werk, das Christo allein in Angriff nahm, von der Entstehungsphase bis zur Realisierung. Die Kamera ist immer dabei: in Christos Atelier, am Ort der Verwirklichung, aber ebenso bei den vielen Treffen, Verhandlungen, Empfängen die dem Projekt vorausgingen und es begleiteten.

Alltag eines kreativen Kopfes

So ist der Dokumentarfilm „Christo – Walking on Water“ mehreres zugleich: Zunächst einmal das Porträt eines Menschen und Ausnahmekünstlers.

Man sieht Christo im Atelier, bei der Arbeit mit seinen Assistenten, im Umgang mit moderner Technologie, die den Meister ein ums andere Mal zu einem Wutausbruch provoziert. Zugleich sieht man, wie viel alltägliches Kleinklein, wie viel Detailprobleme und Handwerk und nicht zuletzt wie viel hochkomplizierte Technik hinter dem stecken, was in fertigem Zustand luftig leicht und hochpoetisch erscheinen soll: Computer, Mikrofonanlangen, der Apparat der vielen Mitarbeiter – das alles ist nicht zuletzt eine enorme logistische Herausforderung. Und irgendwann muss Christo das alles von oben vom Hubschrauber aus steuern. Der Künstler als Arbeiter.

Zugleich zeigt der Film auch, dass diese Art von Event- und Installationskunst auch jenseits des Handwerklichen extrem harte Arbeit ist. Das „langsame Bohren dicker Bretter“, wie Max Weber die Politik bezeichnete – hier kann man es erleben: In Dutzenden von Treffen mit den kunstfernen Bürokraten der Regierung, den Denkmalpflegern, die alle Veränderung verhindern wollen, mit Naturschutzverbänden, die wiederum in jeder Art von Kunstaktion einen Eingriff in die Natur sehen, muss Christo unermüdlich seine Ideen wiederholen, Verhandlungsgeschick zeigen, Versprechungen machen, oder nicht zuletzt einfach nur tausend Eitelkeiten befriedigen. Und Werbung machen. Der Künstler als Diplomat.

Schließlich ist „Christo – Walking on Water“ auch eine luzide Darstellung des gegenwärtigen Kunstbetriebs. Denn unabhängig von der rebellischen Gesinnung Christos und der Tatsache, dass ihn das selbst möglicherweise wenig interessiert: Überall wo er auftritt, wird er wie ein kleiner Monarch behandelt, überall bildet sich eine Art Hofstaat mit den dazugehörigen Höflingen, den Narren, den Speichelleckern, den Spöttern. Der Künstler als König.

Ein kurzweiliger Film

So ist dies ein informativer und ein kurzweiliger Film. Völlig unkommentiert, dafür untermalt von viel Musik, macht es Spaß, sich den Alltag eines Künstlers anzuschauen, der sogar in seinen Schwächen und Launen gezeigt wird. Auch Christo kommt dabei zumindest im Auge mancher Betrachter nicht nur sympathisch rüber. Insgesamt aber wachsen Interesse und Sympathie für seine Arbeit.

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