Neu im Kino: „3 Tage in Quibéron“

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Der Fotograf und sein Motiv: Marie Bäumer als Romy Schneider.
Der Fotograf und sein Motiv: Marie Bäumer als Romy Schneider. (Foto: prokino)

Ravensburg - Einmal sagt sie: „Ich bin eine zutiefst unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“ Da ist sie in Quiberon gestrandet, einem Seebad in der Bretagne, und sie ist nicht zum Urlaub dort: Die Klinik, in der sie lebt, dient dem Entzug. Alkohol und Tabletten. Keine gute Grundlage für ein Interview, zumal mit einer deutschen Illustrierten. Sie gibt es trotzdem, es wird zum Gesprächsthema drüben, weit weg in Deutschland, weil sie so ehrlich ist. Ein Jahr später ist sie tot, und man kann es tatsächlich so sagen – gestorben an gebrochenem Herzen.

1981 gibt Romy Schneider dieses Interview. Sie ist fertig, ihr erster Mann hat Selbstmord begangen, sie lebt in einer hässlichen Scheidungsaffäre mit seinem Nachfolger, die Kinder sind nicht da, sie ist fast pleite, hat Film um Film gedreht und ist ausgepumpt. In Quiberon ist sie allein, als ihre alte Freundin und Vertraute Hilde sie besucht. Und zwei Reporter des „Stern“: Michael Jürgs – der Film arbeitet erstaunlicherweise mit Klarnamen – und Robert „Bob“ Lebeck, Fotograf, mit dem sie auch schon einmal liiert war. Vor allem Jürgs, jung und ehrgeizig, ist skrupellos, zwingt die sichtlich angeschlagene Frau in Gespräche, die besser Psychiatern vorbehalten sein sollten und die vor allem nicht an die Öffentlichkeit gehören. Ihm zuzuhören ist Fremdschämen, zumal wenn er sie mit Fragen nach ihrem unglücklichen Privatleben bedrängt.

Doch Romy Schneider spielt auch mit: aus Naivität, aber auch, weil sie, im Showgeschäft seit ihrer Kindheit, extrovertiert und distanzlos ist. Und noch immer hadert sie mit ihren „Sissi“-Filmen, die gute 15 Jahre zurückliegen und die ihr Bild in Deutschland prägen. Vor diesem engen Deutschland ist sie weggelaufen, nach Frankreich, um mit Regisseuren wie Claude Sautet Filme zu drehen, die nichts mit Sissi zu tun haben. In Europa ist sie ein Star; der „deutsche Weltstar“, von dem seinerzeit oft und besitzergreifend die Rede war, war sie nicht – noch auf der Berlinale, wo „3 Tage in Quiberon“ im Februar seine Premiere feierte, musste man Amerikanern ihre Bedeutung erklären.

Kritischer Blick auf die Medien

Die deutsch-französische Regisseurin und Drehbuch-Autorin hat aus diesen drei Tagen einen Film gemacht, fast eine Art von minuziösem Reenactment. Gefilmt in Schwarz-Weiß lebt er ganz wesentlich von seiner Hauptdarstellerin Marie Bäumer, die Romy Schneider nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern sich auch ganz in diese zerbrechliche, kettenrauchende, lachende und weinende , starke, schwache, sprunghafte, ja, auch nervende Frau fallen lässt – ein großes Solo.

In der Vorbereitung hat Emily Atef unter anderem auch mit Michael Jürgs gesprochen, der letztlich dem Buch seinen Segen gegeben hat. Für ihn war das Interview die Basis für eine Karriere bis an die Spitze des „Stern“; über Romy Schneider hat er später auch eine Biografie geschrieben („Der Fall Romy Schneider“, 2008). Sein Darsteller Robert Gwisdek sprach mit ihm, um den – letztlich fiktiven – Charakter der Rolle anzulegen. Robert Lebeck (er starb 2014) und seine Witwe überließen der Regisseurin das komplette Konvolut von 600 Aufnahmen aus Quiberon, von dem damals nur 20 veröffentlicht wurden. Die Fotos waren schwarz-weiß – deshalb sollte auch der Film es sein.

Jenseits seiner eigentlichen Geschichte ist „3 Tage in Quiberon“ auch ein Film über die Verantwortung von Medien. Wie geht man mit jemandem wie Romy Schneider um, der sich völlig öffnet und nicht abschätzen kann (oder will), was für Folgen das haben kann? Wo beginnt und endet Ausbeutung? Der reale Michael Jürgs sieht sein damaliges Auftreten heute kritisch. Doch selbst Bob Lebeck, ihr Freund, ist eben auch ein Teil des Boulevards: „Im Grunde war unser Besuch ein verlogener Handel“, schrieb er in seinen Erinnerungen. „Wir wollten ein Interview, sie wollte ein Gespräch. Sie brauchte Halt, ich brauchte Fotos.“

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