Neu erschienen: „Jahre des Jägers“

Lesedauer: 7 Min
Don Winslows „Jahre des Jägers“ ist eine sarkastische Abrechnung mit der amerikanischen Lebenslüge, das Drogenproblem würde durc
Don Winslows „Jahre des Jägers“ ist eine sarkastische Abrechnung mit der amerikanischen Lebenslüge, das Drogenproblem würde durch eine Mauer zwischen den USA und Mexiko behoben werden. (Foto: dpa)
Jürgen Berger

In seinem dritten Buch zum mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg rechnet der Bestsellerautor Don Winslow mit der Drogenpolitik der USA ab. Sein Ermittler Art Keller verfolgt die Spur tödlicher Heroinmischungen bis dorthin, wo das Drogengeschäft auf höchster Regierungsebene gedeckt wird. Ob Keller am Ende in den Ruhestand geht, ist ungewiss. Sicher ist nur: Don Winslows Drogen-Trilogie, so sein deutscher Verlag, wird derzeit von der Produktionsfirma eines Hollywood-Regisseurs verfilmt, der aus fast jedem Stoff einen Blockbuster macht: Ridley Scott.

Er ist ganz oben angekommen und nutzt die Möglichkeiten im neuen Job, auch wenn er sich dabei mit dem US-Präsidenten und dessen Schwiegersohn anlegen muss. „Jahre des Jägers“ ist der Schlusspunkt einer Trilogie. Bereits erschienen sind die Bände „Tage der Toten“ und „Das Kartell“. Der dritte Band nun ist nicht nur ein Drogenthriller, sondern auch ein gesellschaftskritisches Milieupanorama der Weltmacht USA und eine sarkastische Abrechnung mit der amerikanischen Lebenslüge, das US-Drogenproblem sei ein aus Südamerika importiertes. Eine Mauer werde schon alles richten. Don Winslow sieht das ganz anders. Für ihn liegt das Problem immer dort, wo Drogen konsumiert werden. Oder anders: Die USA sind inzwischen eine alle Schichten und Milieus betreffende Junkiehölle. Um den Drogenstrom wenigstens ansatzweise zu bändigen, sollten die zuständigen US-Behörden nicht nur mexikanische Kartelle ins Visier nehmen, sondern die Banken und Hintermänner, die aufseiten der USA in das dreckige Geschäft verwickelt sind.

Genau das macht Art Keller. Das Thema ist allerdings so komplex, dass Don Winslow es auf mehreren Erzählebenen umkreist. Auf einer der wichtigsten beschreibt er die mörderischen Bruderkämpfe und Kartellkriege mexikanischer Narco-Clans. Man denkt unwillkürlich an Mario Puzos „Der Pate“. Im Kern geht es aber um Art Kellers „Hausaufgaben“. Inzwischen ist der Topfahnder Chef der mächtigsten Drogenbekämpfungsbehörde der Welt und gebietet als Direktor der DEA (Drug Enforcement Administration) über mehr als 10 000 Angestellte und 5000 Spezialagenten – oder besser über die, denen er trauen kann.

Autor hat sorgfältig recheriert

Kellers Ermittlungen starten im letzten Amtsjahr Barack Obamas und reichen bis in die Präsidentschaft eines Mannes, über den in kürzester Zeit derart viele für ihn peinliche Sachbücher erschienen sind, dass andere allein schon deshalb zurücktreten würden. Der amtierende Twitter-Junkie Donald Trump hält sich aber bis heute im Amt und auch in „Jahre des Jägers“ bleibt offen, ob er den Sessel im Weißen Haus räumen wird.

Don Winslow ist als sorgfältiger Rechercheur bekannt. Seinen neuen Roman situiert er nah an tatsächlichen Ereignissen. In Deutschland ist „Jahre des Jägers“ ausgerechnet in den Tagen erschienen, da der US-amerikanische Sonderermittler Robert Mueller seinen Abschlussbericht zu einer möglichen Russland-Affäre des US- Präsidenten vorlegte. Muellers Pendant im Roman heißt John Scorty, und der kann jeden Stein umdrehen, unter dem sich etwas verbergen könnte. Der Stolperstein des Präsidenten und seines Schwiegersohns – bei Don Winslow heißen sie John Dennison und Jason Lerner – könnten jene 850 Millionen Dollar sein, die ein mexikanisches Drogenkartell in Richtung einer maroden New Yorker Immobilie fließen ließ. An der ist das präsidiale Familienunternehmen heftig beteiligt, es soll ein Win-win-Geschäft werden: Die einen sanieren die Plaza Towers, die anderen waschen schmutziges Geld.

Grandiose Dramaturgie

Don Winslow legt Fährten aus und erzählt auch Nebengeschichten so gekonnt mit einer Dramaturgie der unverhofften Schnitte und Wendungen, dass man atemlos weiterliest. Im letzten Viertel verknüpft er alle Fäden und inszeniert den großen Showdown: Der Chef der DEA gegen den Präsidenten. Whow! Was Keller antreibt? Es sind wohl diese Gewissensbisse, dass auch er zwangsläufig Teil eines Systems ist, in dem amerikanische Jugendliche sich die Hoffnungslosigkeit eines asozialen Wohlstands wegspritzen, während Jugendliche aus Lateinamerika die tödliche Fluchtroute quer durch Mexiko in ein gelobtes Land wagen, das am Ende auch nur die Hölle der anderen ist.

Diesen gesellschaftspolitischen Zusammenhang erzählt Don Winslow in der Nebengeschichte des kleinen Nico, der die Flucht von Guatemala City bis zur illegal in New York lebenden Verwandten schafft. Dort allerdings landet er in den Fängen jener Straßengang, die ihm in Guatemala ihr Logo ins Bein ritzte. Ob Nico wieder aus den USA abgeschoben wird, lässt Don Winslow so offen wie die Frage, ob Art Keller in Zukunft tatsächlich Rentner sein wird. Was aus ihm wird, hängt wohl davon ab, ob „Jahre des Jägers“ tatsächlich der Schlusspunkt einer Trilogie war.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen