Neu aufgelegt: Elena Ferrantes „Frau im Dunkeln“

Lesedauer: 6 Min
Angst aus Liebe
Angst aus Liebe (Foto: colourbox)
Welf Grombacher

Wenn ihr Pseudonym enttarnt werde, höre sie „einfach auf zu publizieren“, erklärte Elena Ferrante in einem schriftlich mit dem „Spiegel“ geführten Interview einmal. Müssen die Fans ihrer neapolitanischen Saga also fürchten, dass keine Bücher der Erfolgsautorin mehr erscheinen, seit der Journalist Claudio Gatti 2016 das Rätsel um ihre wahre Identität geklärt haben will? Durch Kontobewegungen glaubt er entdeckt zu haben, dass sich die Übersetzerin Anita Raja hinter dem Pseudonym verberge.

Bislang sind keine neuen Bücher der Bestsellerautorin auch nur angekündigt. Die Leser in Deutschland aber können sich immerhin damit trösten, dass nach „Lästige Liebe“ im vergangenen Jahr jetzt auch Elena Ferrantes dritter Roman „Frau im Dunkeln“ in einer Neuausgabe erscheint. Als er 2007 von Anja Nattefort erstmals übersetzt wurde, kümmerte das keinen. Nach dem Erfolg von „Meine geniale Freundin“ kommt dem Buch nun die Aufmerksamkeit zu, die es verdient. Alles, was Ferrantes vierteiligen Bestseller ausmacht, ist schon vorhanden: der gekonnte Spannungsaufbau, der den Leser von Beginn an in einen Bann zieht. Die zauberhaft-einfühlsame Sprache, die Bilder aus einer Kindheit im Neapel der 1950er-Jahre heraufbeschwört. Und nicht zu vergessen – der weibliche Blick.

Als ihre Töchter nach Toronto zum Vater ziehen, fällt von der 47-jährigen Leda eine Last ab. „Zum ersten Mal seit fast fünfundzwanzig Jahren musste ich mich nicht mehr um sie kümmern und für sie sorgen.“ Sogar ein paar Jahre jünger fühlt sich die Uniprofessorin und beschließt, Urlaub an der ionischen Küste zu machen. Die Tage verbringt sie am Strand und beobachtet dort eine fremde Familie. Besonders eine junge Frau hat es ihr angetan, die sich liebevoll um ihre Tochter kümmert. Nina wird sie gerufen. Sie ist schön, aber erst das Muttersein macht sie zu etwas Besonderem. Jeden Tag betrachtet Leda diese Nina und spiegelt sich in ihr – die Kindheit in Neapel ebenso wie das Leben als Mutter.

Nichts für werdende Mütter

Wer selbst gerade schwanger ist, sollte die Hände von diesem Roman lassen. Versteht Elena Ferrante doch so anschaulich die Sorgen und Ängste einer Mutter fühlbar zu machen, dass es ebenso beeindruckend wie bedrückend ist. Leda erinnert sich an die eigene Mutter, die ihren Töchtern, immer wenn sie böse auf sie war, androhte, zu gehen. „Morgens wacht ihr auf, und dann bin ich nicht mehr da. Und jeden Morgen wachte ich auf und zitterte vor Angst. In Worten verließ sie uns immerzu, in Wirklichkeit blieb sie.“ Später, als Leda selbst Mutter ist, wird sie „die erdrückende Last der Verantwortung“ nie wieder los. Nicht einen einzigen Moment kann sie ihre Töchter aus den Augen lassen. Sie erstickt daran. „Ein Kind ist ein Strudel der Ängste.“

Mit 25 musste sie ihre Arbeit an der Uni aufgeben, während ihr Mann Karriere machte. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, ließ die Kinder allein zurück. „Ich liebte sie zu sehr, und ich hatte das Gefühl, meine Liebe zu ihnen hinderte mich daran, ich selbst zu werden.“ Aus derselben „Eigenliebe“ kehrt sie drei Jahre später zurück. Weil sie ohne Töchter noch unglücklicher ist. All das kommt in Leda hoch, während sie die Familie am Strand beobachtet. Aus der Bewunderung für die junge Frau wird allmählich Widerwille. Bis am Ende die Situation eskaliert.

Wer je gezweifelt hat, ob sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante eine Frau verbirgt, wird durch „Frau im Dunkeln“ eines Besseren belehrt. Zu überzeugend ist die Perspektive. Ein großartiger Roman. Es wäre ein Jammer, wenn er übersehen worden wäre.

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