Nachruf: Historiker Peter Blickle gestorben

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Peter Blickle (1938 – 2017) war einer der Gründerväter der Gesellschaft Oberschwaben.
Peter Blickle (1938 – 2017) war einer der Gründerväter der Gesellschaft Oberschwaben. (Foto: Stefan Eckstein)
Rolf Waldvogel

Als Peter Blickle 2015 in Leutkirch sein Buch „Der Bauernjörg – Feldherr im Bauernkrieg“ vorstellte, wurde das fundamentale Werk über den Truchsessen Georg von Waldburg (1488-1531) mit gutem Grund als Krönung eines Forscherlebens verstanden. Niemand aus seiner Zunft hatte sich diesem Thema der frühen Neuzeit mit so viel Hingabe verschrieben wie dieser Historiker. Nun ist der emeritierte Professor der Universität Bern und einer der Gründerväter der Gesellschaft Oberschwaben 78-jährig in Saarbrücken gestorben.

Zwar wurde Blickle 1938 in Berlin geboren, aber aufgewachsen ist er zum Großteil in Leutkirch. Ministrant, Knabenscholasänger, Jugendgruppenleiter – typische Stationen des Heranwachsens in Oberschwaben, aber auch Indizien für eine Prägung, die ihren Niederschlag fand in seiner Ausrichtung auf diese Region. Nach dem Abitur in Wangen studierte er Geschichte und Politische Wissenschaft an den Universitäten München und Wien. 1964 promovierte er bei Karl Bosl in München. Schon bei seiner Dissertation zum Thema „Die herrschaftsbildenden Kräfte im Gebiet des heutigen Landkreises Memmingen“ klang das Interesse an der Region an. 1971 habilitierte er sich in Saarbrücken zum Thema „Landschaften im alten Reich. Die staatliche Funktion des gemeinen Mannes in Oberdeutschland“. Dort war er von 1972 bis 1980 Professor für Neuere Geschichte, bevor er bis zu seiner Emeritierung 2004 eine Professur im selben Fach an der Universität Bern bekleidete.

Freiheitsdrang im Oberland

Blickles Forschung zur Geschichte um 1500 gilt als exemplarisch. Er beschrieb als Erster die Rolle der verschiedenen Arten von Untertanen, die sich im Kräftespiel mit der feudalen Herrschaft maßen – außer den Bauern auch Städter und Bergleute. So konnte er den Bauernkrieg dezidiert als eine „Revolution des gemeinen Mannes“ deuten und eine deutsche Geschichte „von unten“ skizzieren. Blickle prägte zudem den Begriff des „Kommunalismus“. Zwischen 1300 und 1800 sei der Herrschaftsstruktur des Feudalismus im städtischen wie im ländlichen Raum eine kommunale Struktur gegenübergetreten, die sich gegen alle Widerstände Raum verschafft habe. Dass der Historiker solche Thesen brillant vortrug, sei nicht vergessen. Blickle lieferte stets geschliffen formulierte Texte von höchster analytischer Trennschärfe, in denen farbiges historisches Anschauungsmaterial und Anekdotisches nicht zu kurz kamen.

Bei aller wissenschaftlichen Universalität blieb sein Blick stets auf Oberschwaben gerichtet, wo der Forscher „einen Hauch von republikanischem Geist durch sechs Jahrhunderte hindurch wehen“ sah. Dass sich diese Region mit ihrer Geschichte beschäftige, war ihm ein Herzensanliegen. Durch eine günstige Konstellation ging der Wunsch in Erfüllung. Der Historiker Blickle sprach 1993 den Ravensburger Landrat Guntram Blaser an, der holte den Schwendier Unternehmer Siegfried Weishaupt ins Boot, und mit dieser Allianz von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft war eine neue „Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur“ geboren, die sich seither als geistige Klammerinstanz für den Landstrich zwischen Ulm und Bodensee größte Verdienste erworben hat. Ihr erster Vorsitzender konnte 1996 nur Peter Blickle heißen, ihr Ehrenvorsitzender wurde er nach seinem Ausscheiden 2002.

Oberschwaben gebührend ins Blickfeld gerückt zu haben, ist Blickles bleibendes Verdienst. Als Indiz mag das Gedenken an die Memminger Proklamation jener Zwölf Artikel der Bauernschaft von 1525 gelten, die als Vorläufer demokratischer Verfassungen in Deutschland gelten. Blickle war der Spiritus Rector, und sein Renommee lockte 2000 selbst den Bundespräsidenten nach Memmingen. Johannes Rau in seiner Rede: „Ich verstehe die Erinnerung an diese zwölf Artikel als den Auftrag an uns alle, nie zu vergessen, dass Freiheit sich nicht von selber versteht, dass sie ersehnt, erkämpft und verteidigt werden muss. Dabei kommt es auf jede und auf jeden an: im eigenen Land und überall auf der Welt.“

Peter Blickle sah sich damals glänzend bestätigt. Sein Rufen war nicht ohne Widerhall geblieben. Es hallt weiter.

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