„Nachleben“ erstmals auf Deutsch: Neues vom Literaturnobelpreisträger

Nachleben von Abdulrazak Gurnah
Nachleben von Abdulrazak Gurnah (Foto: Penguin Verlag)
Welf Grombacher

Ob er über seine eigenen Erfahrungen schreibe, wurde Abdulrazak Gurnah in einem der unzähligen Interviews nach der Verleihung des Literaturnobelpreises gefragt. „Gewiss. Und zugleich nein“, antwortete der 1948 im Sultanat Sansibar geborene Schriftsteller, der als Flüchtling mit 18 Jahren nach Großbritannien kam.

„Was ich schreibe, ist nicht nur meine Erfahrung. Millionen Menschen sind in dieser Lage, in unserer Zeit, in der Menschheitsgeschichte, zu allen Zeiten.“ In einer Welt, in der Migration in aller Munde ist und postkoloniale Debatten die Öffentlichkeit bewegen, treffen Abdulrazak Gurnahs Bücher einen Nerv.

Abdulrazak Gurnah weiß was es heißt, ein Fremder zu sein

Was es heißt, ein Fremder zu sein und mit Vorurteilen konfrontiert zu werden, musste er selbst am Christ Church College in Canterbury erfahren, als er ins Klassenzimmer kam und an der Tafel eine Zeichnung sah, die ihn zeigen sollte, mit einem Knochen durch die Nase, darunter rassistisches Gekritzel. „Solche Vorfälle gab es jeden Tag“, berichtet er. Und es waren Studenten, die das taten, keine Kinder.

Im Schreiben auf Englisch, nicht in seiner Muttersprache Swahili, fand Gurnah eine Zuflucht, um Dinge zu verstehen und zu durchdenken, „Gedanken und Sorgen zu entwirren“, wie er in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk sagte. Er machte seinen Hochschulabschluss und unterrichtete an der Bayero University in Nigeria und an der University of Kent Englisch und postkoloniale Literaturen.

In seinen zehn Romanen geht es um Displacement, Entwurzelung, Migration. Obwohl er seit fast 60 Jahren in Großbritannien lebt, kehrt seine Fantasie immer wieder nach Afrika zurück. Das ist auch im Roman „Nachleben“ (Foto: Penguin Verlag) so, der 2020 erschienen, jetzt von Eva Bonné übersetzt auf Deutsch herauskommt und im Grund da ansetzt, wo „Das verlorene Paradies“ (1994) aufhörte.

In „Nachleben“ geht es wieder um das koloniale Afrika

War es darin der junge Yusuf, der von den verschuldeten Eltern einem reichen Kaufmann verpfändet wird und sich am Ende den „Askaris“, also den Schutztruppen anschließt, die die deutschen Kolonialherren in freiwilliger Loyalität unterstützen, so heißt der Held im aktuellen Roman Hamza.

Auch er wurde als Kind von einem Händler verschleppt und schließt sich den Askaris an. Er schlägt mit den Deutschen die Aufstände der Abushiri und der Hehe nieder und kämpft gegen die Briten. Als der Krieg 1918 vorbei ist, kehrt er als Krüppel in die Stadt seiner Eltern zurück.

Mühsam baut er sich eine neue Existenz auf und heiratet Afiya, deren Bruder Ilyas als Askari im Krieg verschollen ist. Im Gedenken an ihn nennen sie ihren Sohn ebenfalls Ilyas. Nach Jahren des Wartens und der Ungewissheit, stellt sich heraus, dass der Bruder nach Deutschland ging und in den 30er-Jahren als Sänger durch Bars tingelte. Seine Spuren verlieren sich im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Abdulrazak Gurnahs „Nachleben“ endet mit einem Schock

Mit einem Schock endet so Abdulrazak Gurnahs bewegender Roman, der die Folgen der kolonialen Herrschaft ebenso thematisiert wie die Suche nach der eigenen Identität im postkolonialen Afrika.

Mag der auktoriale Erzähler auch ein wenig altertümlich anmuten und der geradlinige Ton naiv: Wie Gurnah von dieser für den Europäer fremden Welt erzählt, das Leben im Familienverbund schildert und von der Resilienzfähigkeit und dem Überlebenswillen der Unterdrückten berichtet, das nimmt einen während der Lektüre mit.

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