Müller-Westernhagen und der mühsame Aufstieg

Der deutsche Rocksänger Marius Müller-Westernhagen bei einem Auftritt im Jahr 1998.
Der deutsche Rocksänger Marius Müller-Westernhagen bei einem Auftritt im Jahr 1998. (Foto: Hubert Link/dpa)
Christiane Oelrich

Man landet direkt auf der Couch des deutschen Rockers Marius Müller-Westernhagen (73) in Berlin Charlottenburg. Der Autor eines neuen Porträts erzählt ausführlich über seine Begegnungen mit dem Sänger, etwa wie beide auf Socken über das Parkett der Wohnung „an einer Loggia mit zwei Korbsesseln vorbei zur offenen Küche“ rutschen. Das schafft gefühlte Nähe zu dem Künstler.

Müller-Westernhagen erzählt über das vom Schweigen über den Krieg geprägte Elternhaus. Die Mutter hat immer Angst um den schmächtigen Jungen, der Vater, Schauspieler in Düsseldorf, entkommt den Kriegserlebnissen nur noch im Alkoholrausch. Über den Vater kommt Marius an erste eigene Rollen. Vom Totenbett mit knapp 45 Jahren telegrafiert der Vater ihm: „Demut und Bescheidenheit. Dein Vater.“ Marius ist da 15 Jahre alt. „Ich habe meinen Vater abgöttisch geliebt“, sagt er in dem Buch. Manchen mag das Wort Demut altbacken anmuten, Müller-Westernhagen verwendet es bis heute. Der Junge schauspielert, lässt sich von Beatles und Rolling Stones zur Musik inspirieren, bricht die Schule ab, tingelt mit Schülerbands in extravaganten Outfits durchs Revier, singt Coverversionen großer Bands. Mit Freunden klaut er Platten, „aber nur in großen Läden“. Mit Schallplatten war die Welt noch anders, sagt Müller-Westernhagen. Mit Digitalisierung und Streaming sei die Wertschätzung für Musik gesunken: „Aus Musik hören ist Musik konsumieren geworden.“

Das Buch zeichnet die frühe Schauspielerkarriere und den mühsamen Aufstieg Müller-Westernhagens zum anerkannten Rocker nach. Die Platte „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ von 1978 mausert sich mit Verzögerung zum Kultalbum und der Sänger singt sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen. Erst recht mit „Freiheit“. Der Song entstand 1987 und wird später zur Hymne der Wiedervereinigung. Auch beim Sound-of-Peace-Konzert nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine sangen im März in Berlin Tausende die Zeilen „Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist leider primitiv“ daraus, die Müller-Westernhagen auf der Bühne gar nicht mehr anstimmen musste.

Dafür, dass sich das Buch um Müller-Westernhagen dreht, kommt viel Dönhoff darin vor. Friedrich Dönhoff, der sich mit Porträts einen Namen gemacht hat, hat es geschrieben – mit vielen Passagen aus der Ich-Perspektive. Wie der Sänger ihm Expresso macht, wie er sein Hemd bewundert. Im ersten Moment ist das banal, aber Dönhoff erzeugt so ein Gefühl von Vertrautheit mit dem Porträtierten. Der aber keiner ist, der Publikumserwartungen erfüllen will: „Wenn ich eine Platte mache, dann interessiert mich nicht, was jemand eventuell hören möchte, sondern was ich spielen will“, sagt er.

Die Beschreibungen des mühsamen Aufstiegs bis zur Anerkennung als Rocker flankiert Dönhoff mit realen Ereignissen der Weltpolitik – ein Kniff, der es älteren Semestern erlaubt, sich zu erinnern, wo sie zu dem beschriebenen Zeitpunkt im Leben standen. Dazu gibt es kurze Frage-Antwort-Interviews zu Themen wie Schwimmen, Drogen oder Männer und Frauen. So stellt sich heraus, dass Müller-Westernhagen zum Beispiel nicht schwimmen kann und bei einer Größe von 1,82 Metern früher 54 Kilogramm wog. Man lernt den Künstler von heute kennen, und den, der sich bis zum Durchbruch 1980 durchgekämpft hat. Über das, was dazwischen liegt, erfährt man eher weniger. (dpa)

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