Mozarts „Don Giovanni“ in einer frechen Inszenierung des Opernstudios der Bregenzer Festspiele

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Katharina von Glasenapp

Starke Frauen, freie Liebe, reichlich Koks, Zigaretten und Alkohol in der WG-Küche mit der flackernden Leuchtstoffröhre, ein Münztelefon auf dem nackten Gang eines Wohnheims, ein Festmahl mit Pizza aus dem Karton und Spaghetti aus dem Topf: Nach dem gelungenen Einstieg im vergangenen Jahr mit „Così fan tutte“ begeistert das Bregenzer Festspiel-Opernstudio, das Lieblingsprojekt von Intendantin Elisabeth Sobotka, auch im zweiten Jahr, diesmal mit „Don Giovanni“.

Die polnische Regisseurin Barbara Wysocka siedelt ihre Inszenierung von Mozarts Meisteroper in den frühen Siebzigern an, die jungen Sängerinnen und Sänger aus acht Ländern werfen sich mit Spiellust und tollen Stimmen hinein. Zur Ouvertüre, die Hartmut Keil in ihrer dämonisch bedrohlichen Kraft raunen lässt, flackern Fernsehbilder von Nachrichtensendungen zum Olympia-Attentat von München, von Demonstrationen und Popkonzerten über die Bühne. Die Welt ist im Umbruch und Mozarts aufwühlende Musik ist ihr Spiegel.

Überzeugendes Ensemble

Barbara Wysocka macht Oper mit jungen Künstlern, mit großen Gefühlen und Affekten, mit einem frischen, unverbrauchten Zugang: Sie öffnet den Blick, manchmal auf verblüffende Weise, und sie horcht genau auf die Musik – auch wenn sie manche Arie mit (überflüssiger) Hintergrundaktion füllen zu müssen meint. Sie zeigt einen rücksichtslos getriebenen Don Giovanni, dem keine Eroberung mehr so recht gelingen mag, der schnell mit der Pistole bei der Hand ist und den die anderen Protagonisten umschwirren.

Seine „Champagner-Arie“ schleudert er mit Elvis-Hüftschwung von der Rampe ins Publikum und springt seinem Leporello mit Schwung auf den Rücken – wohl der Regisseurin, die zwei so gut zusammenpassende Typen als Herr und Diener zur Verfügung hat und sie auch führen kann!

Nicht immer geht es auf, etwa wenn Don Giovanni nach dem Kleiderwechsel mit Leporello sein Ständchen an die Angebetete ins Telefon säuselt. Manche Figuren oder Szenen bleiben blass, wenn der edle Don Ottavio etwas hilflos seine Brille abnimmt oder hinter der Tür der flammenden Verzweiflung seiner Verlobten Donna Anna zuhört. Natürlich kann es auch keine Friedhofszene und keinen „steinernen Gast“ geben – der ermordete Komtur ist immer wieder mal als stummer Gast auf der Bühne, vielleicht als Giovannis schlechtes Gewissen, als innere Stimme oder Vision im Drogenrausch. Auf der minimal veränderten Einheitsbühne gelingen schlüssige und stimmige Bilder, die Spannung bleibt bis zum Herztod des Helden und der ernüchternden Neuorientierung der anderen erhalten.

Das ist der fast rundum überzeugenden Sängerbesetzung und dem ungemein spritzigen, beweglichen und auch dunkel raunendem Spiel des Symphonieorchesters Vorarlberg zu danken. Wie auch im vergangenen Jahr leitet es Hartmut Keil: Er wählt schöne, im berühmten Duett Giovannis mit Zerlina überraschend langsame Tempi, lässt die Bläser herzhaft musikantisch aufspielen, führt die Streicher kammermusikalisch fein und doch mit Substanz und gestaltet die Rezitative am Hammerflügel mit viel Witz und Phantasie.

Wolfgang Schwaiger glänzt in der Titelpartie mit geschmeidiger, farbenreicher Stimme, David Oštrek ist ihm in Spielwitz und Stimmpracht ebenbürtig. Großartig in der Stimmführung und Leuchtkraft ist die Donna Anna der russischen Sopranistin Oksana Sekerina, auch ihr Don Ottavio ist mit dem chinesischen Tenor Dashuai Chen stimmlich hervorragend besetzt. Die Brasilianerin Camila Titinger erfüllt die Rolle der Donna Elvira zunehmend mit Wärme und Intensität. Mit dem Koreaner Jung Rae Kim als Masetto und der zierlichen, von der Regisseurin durchaus als Verführerin gezeichneten Zerlina der Israelin Hagar Sharvit fügen sich weitere junge Preisträger ins Ensemble ein. Neben den prächtigen Stimmen von Schwaiger und Oštrek wirkt der Bassist Dominic Barberi als Komtur etwas schwächer. Noch zweimal ist die umjubelte Produktion im Theater am Kornmarkt zu sehen, auf eine Fortsetzung des Opernstudios im nächsten Jahr darf man gespannt sein!

„Don Giovanni“ am 18. und

20. August im Kornmarkttheater Bregenz.

www.bregenzerfestspiele.com

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