„Modern Love“ im Museum für Neue Kunst in Freiburg

Marge Monkos „I Don’t Know You So I Can’t Love You“ aus dem Jahr 2018 in Anlehnung an Michelangelos Deckenfresko.
Marge Monkos „I Don’t Know You So I Can’t Love You“ aus dem Jahr 2018 in Anlehnung an Michelangelos Deckenfresko. (Foto: Museum für Neue Kunst Freiburg)
Hans-Dieter Fronz

Der Tipp kam aus Stuttgart. Petra Olschowski, Staatssekretärin im baden-württembergischen Kultusministerium, hatte bei einem Aufenthalt in Tallin eine Ausstellung in der dortigen Kunsthalle besucht, die sie begeisterte. Kurze Zeit später war auch die Leiterin des Museums für Neue Kunst in Freiburg, Christine Litz, unterwegs in die estnische Hauptstadt – und kam ins Gespräch mit Katarina Gregos, der Kuratorin der dortigen Schau. So entstand die Idee eines gemeinsamen Projekts, dessen Ergebnis nun im Freiburger Museum zu sehen ist: „Modern Love“. Nach Freiburg wird die in Kooperation mit der Kunsthalle Tallin sowie dem Festival „Impakt“ Utrecht realisierte Schau auch in den beiden anderen Städten zu sehen sein.

Die Kuratorin Katarina Gregos lebt in Brüssel. Für „Modern Love“, ihre Ausstellung zum Thema Liebe in Zeiten der Digitalisierung, hat sie 16 Künstlerinnen und Künstler aus zwölf Ländern eingeladen. Deren Werke beschäftigen sich mit der Frage, in welchem Maß und in welcher Weise digitale Medien wie Internet und Social Media auf intime zwischenmenschliche Beziehungen Einfluss nehmen.

Die Schau unterschlägt keineswegs die emanzipatorischen Potenziale des Digitalen. Aber zu Beginn wirft sie einen frappierend pessimistischen Blick auf ihr Thema. Denn gleich im ersten Saal hat in Maria Mavropoulous’ fotografischen Settings der Mensch gegenüber der Technik kapituliert. Wir sehen nächtliche fotografische Interieurszenen: einen Tisch mit vier Gedecken. Oder ein Doppelbett, auf dem sich offenbar soeben noch ein Paar aufgehalten, ferngesehen, gesurft oder gepostet hat.

In einer weiteren, ebenfalls verlassenen Bett-Szene sind die erleuchteten Screens zweier Notebooks auf dem Schlafmöbel einander derart zugewandt, als würden sie miteinander kommunizieren. Wie in den anderen Aufnahmen Tablets, Smartphones oder TV-Screens die einzigen Lichtquellen sind, so hier die beiden Screens. Aber wo ist überhaupt das Paar? Seine sprechende Abwesenheit lässt sich wohl so deuten, dass Technik sich nicht bloß zwischen die Menschen gedrängt, sondern sie verdrängt und sich selbst an ihre Stelle gesetzt hat. In einer Art negativer Utopie setzen die Gadgets das Ding mit der Liebe im Alleingang fort.

Man kennt das aus eigener Beobachtung: Ein Paar sitzt zusammen, doch beide sind vollständig von ihrem Smartphone absorbiert, vertieft in die je eigene virtuelle Welt. Gemeinsam einsam sein: Soziale Netzwerke nisten sich zerstörerisch in Paarbeziehungen ein. Hannah Toticki Anbert weiß Rat. Sie bietet ironische Entwöhnungshilfen von der Sucht des Virtuellen an. Ihre beiden Roboterhände tragen an Zeigefinger und Daumen goldene Kuppen: „Touch Screen Protection Rings, Gold Version“.

Bei Marge Monko hat der Finger als Zugangstool zur digitalen Welt symbolische Funktion. Wenn im ausgestreckten Zeigefinger von Gottvater in Michelangelos Deckenfresko der Lebensfunke auf Adam überspringt, dann sind die ausgestreckten Finger in Monkos Fotoinstallation ein Echo der metaphysischen Aufladung von Liebe seit der Romantik. Die Gefühlsbeziehung hat sich in der Installation aus der physisch-realen Welt der Körper jedoch in die körperlose Virtualität von Stimme und Schrift verflüchtigt. Hier dockt Laura Cemins mediale Installation an: Die Absenz physischer menschlicher Wärme und Nähe kompensiert eine junge Frau in ihrem Video durch technische Apparaturen – oder bewährte alte Hausmittel wie eine Wärmeflasche.

Bereits 2004, in ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen, hatte Eva Illouz den Finger in die Wunde zeitgenössischer Ausformung intimer Beziehungen gelegt. Katarina Gregos bezieht sich in einem Essay auf Illouz’ kritische Analysen der Zurichtung von Gefühlen in und durch den (digitalen) Turbokapitalismus. Ihr leidenschaftliches Plädoyer für echte Gefühle ist sympathisch. Ihre Vision jedoch, die Liebe ließe sich vielleicht noch einmal aus den Fängen des Kapitals und der Algorithmen befreien, muss man wohl utopisch nennen.

Auch wenn die Präsentation an ihren Rändern thematisch stellenweise etwas ausfranst – sehens- und bedenkenswert ist sie in jedem Fall. Zumal in einer Zeit, in der ein viraler Beziehungskiller der ganz anderen, kein bisschen digitalen Art global sein Unwesen treibt.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Hier finden Sie freie Impftermine in der Region

Die Zwangspause ist vorbei: Wochenlang hat die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zu Jahresbeginn Menschen bei der Buchung von Impfterminen unterstützt. Der Erfolg war groß. Doch als die Schere zwischen den wenigen Impfstoff-Lieferungen und der starken Nachfrage nach Terminen immer größer wurde, musste der Service für einige Wochen eingestellt werden.

Das ist jetzt vorbei, die Impftermin-Ampel ist wieder da. Sie zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt.

Coronavirus - Kempten

Corona-Newsblog: Polizei muss illegale „Querdenker“-Versammlung in Kempten auflösen

Die wichtigsten Nachrichten und aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog mit Fokus auf Deutschland und Schwerpunkt auf den Südwesten.

Aktuelle Zahlen des RKI¹: Aktuell nachgewiesene Infizierte Baden-Württemberg: ca. 38.000 (406.195 Gesamt - ca. 359.200 Genesene - 9.051 Verstorbene) Todesfälle Baden-Württemberg: 9.051 Sieben-Tage-Inzidenz Baden-Württemberg: 170,5 Aktuell nachgewiesene Infizierte Deutschland: ca. 287.100 (3.142.

Michaela Stierkat freute sich über ihre Arbeit im Impfzentrum.

Corona machte sie erst arbeitslos - und dann brachte ihr das Virus einen neuen Job

Noch warten viele Menschen auf einen Impftermin. Doch ein Team aus knapp 50 Personen sorgt jeden Tag dafür, dass sich das bald ändert. Im Ummendorfer Kreisimpfzentrum arbeiten Mediziner, Ärzte, Sanitäter, Verwaltungsmitarbeiter und Sicherheitskräfte.

Das Team muss in jeder Situation harmonieren, denn täglich finden aktuell rund 500 bis 600 Impfungen statt.

Ich musste mich komplett neu orientieren und wusste nicht wie es weitergeht.

Mehr Themen